Wir sind Kirk!

August 7, 2011

Nachhaltige TV Erlebnisse

 

Weil gerade das Raumschiff Orion mal wieder über den Schirm flimmert und seinen nostalgischen Start im Kopfschmerztablettenwasserglas absolviert, fühle ich mich berufen nachzulegen. Schlimmer kann’s ja gar nicht werden, oder? Nachhaltiges TV Erlebnis war das Raumschiff Orion zwar auch, aber doch eher ein unreflektiertes und so unscharf und schwarz-weiß wie meine Erinnerungen daran. Nachhaltiger, weil ungleich stärker konsumiert, ist das Raumschiff Enterprise für mich gewesen.

 

Die Sucht oder mein seinerzeitiger Wahnsinn gipfelte darin, dass ich zur Premiere der Voyager Staffeln eine Einladung annahm, die so aussah, dass man sich in einem Berliner Kino den Pilotfilm der USS Voyager reinzog mit einer Präsentation durch Leutnant Uhura.

Im Anschluss an den Pilotfilm wurden dann alle bis dato gedrehten Enterprise Kinofilme nacheinander gezeigt. Damals endend mit dem ersten der Picard Crew (Treffen der Generationen.) Start Freitag 20.00 Uhr, Ende Samstag 10.00 Uhr. Ich habe durchgehalten. Bekloppt? Unbedingt. Wie ich aber schon damals wusste, bei weitem nicht so bekloppt wie Hardcore Trekkies werden können. Lichtjahre davon entfernt. Aber was macht(e) den Reiz der Enterprise für mich aus?

 

Ohne Anspruch auf filmwissenschaftliche oder soziologische Angemessenheit, bzw. mir überhaupt die Mühe machend, zu kontrollieren wie schlau oder dumm meine Sicht auf die Enterprise ist, weiß ich, dass ich damals schon einen AHA Effekt bei der Kirk Staffel erlebt hatte, welcher mir erklärte warum mich die Staffeln um Kirk – und im übertragenen Sinne auch die Staffel um Captain Picard – was denn sonst als? – faszinieren mussten!

 

Worum geht es in Star Trek? Es sind die ganz und gar irdischen Frage nach dem Menschen. Was will er? Woher kommt er? Wie wird oder wurde er zu dem, was er ist? Beschäftigte schon Fred Feuerstein und Sience Fiction ist das nicht. Das ist Lebensgefühl von allen. Wenn man es aber technisiert, ist es das Lebensgefühl von kleinen Jungs und großen Kerlen, die Pipi in die Augen bekommen, wenn sie einen Stromkreis – brzzzt – korrekt geschlossen haben und ein Wolframfaden zu leuchten beginnt. Ja, schon scheiße, wenn Mann nicht schwanger werden kann und Übersprungshandlungen dafür erfinden muss.

 

Ernsthaft: Das Sience Fiction Setting der Serie machte Star Trek, zumal im Kirkschen Zeitalter, zu einem m. E. stark männlich geprägten Abenteuer oder aus männlicher Sicht erzählten Abenteuers. Einem Abenteuer mit einem männlichen Blick auf die Welt. Der Clou ist: Es ist tatsächlich nur ein Blick auf die Welt, respektive des Universums. Es ist Kirks Blick. Es ist Kirks Reise durch das Universum und das eigentliche Universum, die wirklich unentdeckten Weiten des Universums, sind alle in Kirk selbst.

 

Kirk ist der kleine Junge, der große Abenteuerer und vor allem auch – klar: männlich – eine verdammte Großfresse, ein Lautsprecher und Poser. Aber in jeder Folge vollzieht Kirk eine Entwicklung, vom Uga-Uga-Uga-ich-bin-hier-der-chef Primaten zu einem zivilisierten Helden männlichen Schlages. Wie das?

 

Das Raumschiff, in dem sich dieser Gernegroß Kirk bewegt, ist, eigentlich sein Körper. Kirk, warum auch immer, glaubt in diesem Körper, das Kommando zu haben. Dabei unterstützen ihn seine zwei Augen: Chekov und Zulu, sein Gehör: Leutnant Uhura, sein Gewissen: Pille alias Dr. McCoy und vor allem sein Verstand: Mr. Spock. Und wer ist Scotty? Scotty, ist der Mann, der einen Überlichtantrieb, den berühmten Warpantrieb, mit einem Schraubenschlüssel, büschen Öl und einem zölligen Schieber wieder in Gang bekommt, ist Herz, Leber, Niere kurz: das gesamte vegetative System Kirks.

 

Dieses Ein-Mann-Schiff cruist durch das Universum und anhand der Rollenverteilungen erkennt man: Es ist sehr testosteronlastig. Nur Uhura, die Kommunikationschefin (sic) ist weiblich. Sie hört die Schwingungen, fühlt Dinge, die sich auf keinem Schirm der Enterprise visualisieren lassen. Das ist bei der Picard-Crew in der Figur der Mentalistin Deanna Troi noch – meinethalben – chauvinistischer gezeichnet worden. Kurzum: Das Weibliche steht auch schon in der Kirk Phase für das, was zwischen den Zeilen steht, um nicht zu sagen für das Übersinnliche. Es ist das, was kein Mann, selbst mit tausend Warps, je erreichen wird: eine Frau zu sein.

 

Ein Zweites, was ein Mensch, seien es Kirk, Jane oder Luc, nie werden erreichen können, ist der Zustand der reinen Vernunft. So ist es nicht verwunderlich, dass Spock nicht irdischen Ursprungs ist. Er ist Vulkanier. Er ist Ausländer, Gastarbeiter, um nicht zu sagen Halbmensch im Sinne von Halbjude und sein analytischer, mathematischer Intellekt ist dem der Menschen weit überlegen.

 

Ein Mann kann also keine Frau werden, und kein Mensch ist so schlau wie der Ausländer Mr. Spock? Kein Mann. Im Sinne Kirks, würde bestreiten, dass er verloren wäre, wenn es keine Frauen gäbe und jeder Mensch, unbestritten, bliebe Primat, wenn er keinen Verstand besäße. Was folgt daraus? Z. B.: Der Klu-klux-clan kann Star Trek nicht mögen.

Die einzige Frau in Kirks Universum, welches in den sechziger Jahren geschöpft wurde, ist dunkelhäutig und der Verstand, der Kirk begleitet ist nicht irdischen Ursprungs. Mehr noch: der Verstand, der Kirk begleitet hat alle negativen Attribute, die man sich vorstellen kann. Ursprungsland des Spockschen Verstandes? Vulkanien! Eruptiv, emotional, unberechenbar. Spocks Stand? Mr. Nicht Dr. Wer ist der Dr.? Pille! Der gefühlsduselige Trinker. Woran erinnert uns das? An Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Aber bei Star Trek ist der Mr. der Dr. und nicht umgekehrt. Bedenken Sie das für eine Minute, versetzen Sie sich in ein westliches Land der sechziger Jahre: der Ausländer in der Crew ist schlauer als Du und das, was jedem Mann fehlt, was jeder Mann begehrt, ist: weiblich und schwarz! Das ist subversiv. Aber es wird noch subversiver.

 

Mr. Spock und Dr. McCoy, Hyde und Jekyll, sind zwar die größten Antagonisten im kirkschen Universum, spielen sie doch Vernunft und Gefühl, Geist und Gewissen, aber Dr. McCoy, und deshalb ist er auch der Doc im Sinne des Feelgood-Doc und Spock der unpersönliche Mr., und deshalb ist der impulsive Dr. auch nicht von Vulkanien, obwohl er es sein müsste, sondern er ist die Pille! Das Helferlein im kalten, großen Universum des Lebens. Die Pille hilft. Pille ist gut und deshalb eine Pille, die zwar intellektuell Spock unterlegen, die impulsiv und den Lastern nicht abgeneigt, aber Balsam für die kirksche Seele ist.

 

Aber wer ist der Böse? Wer ist Mr. Hyde, wenn es McCoy nicht ist? Die Klingonen? Die kommunistische Bedrohung des kirkschen Weltalls? Ja, die sind schlecht für Kirk. Die sind schlecht, weil sie wie die Borgs im Picards Universum den Individualismus unterlaufen, weil sie per se Individualismus nicht kennen. Aber sie sind nicht böse. Sie sind anders. Sie sind, wie sie sind und da sind wir bei der obersten Direktive des Star Trek Universums.

 

Das eigentliche Böse ist gut verborgen, hidden: Mr. Hyde sind aber nicht die Direktiven, schon gar nicht die oberste Direktive, welche ein verbindliches Nichteinmischungsprinzip in die internen Angelegenheiten anderer „Zivilisationen“ enthält (zit. nach Wiki Artikel Star Trek). Die Bösen sind die, die die Direktiven verwalten, die anonymen Verwalter und Strategen der Sternenflotte, die, die Kirk (alle kleinen Jungs und großen Kerle) instrumentalisieren wollen. Es sind nicht die Klingonen. Es ist der Staat.

 

Was ist daran subversiv? Nun, in die Menschwerdung Kirks, in seine internen Angelegenheiten, seine Diskussionen mit Pille, Spock und Uhura, hat sich niemand einzumischen, seine Eltern, seine Familie, sein Staat haben außen vorzubleiben.

In der nächsten Folge geht es um Hybris, Picard, Data, Quanten und Pinocchio.

PS: Bitte bewerten Sie als literarische Ratingagentur diesen Text single, double oder triple A, B; C. Dankeschön.

Comic und Filme

Juni 18, 2011

Comic Filme

I.

Seit ich lesen kann, lese ich Comics. Angefangen mit den Rolf Kauka Versionen von Spirou und Fantasio, die bei Kauka Pit und Pikkolo hießen und statt des Marsupilami hieß es Kukurukumiko, sowie Kaukas Eigengschöpfen wie Fix und Foxi, Lupo und Professor Knox. Deren aberwitzigste Geschichte mir mit dem OHO in Erinnerung ist. Natürlich auch die ersten fünfzig lustigen Taschenbücher von Walt Disney und die damaligen Donald Duck Sonderbände. Dann kamen Asterix und Obelix, bzw. schleppte mein Vater sechs, sieben oder acht von den Alben nach Hause. Wir lasen es gemeinsam, wir lernten es auswendig und wir werfen uns noch heute Stichwörter aus diesem Leseerlebnis an den Kopf.

Obwohl die Geschichten der Gallier sicherlich die erfolgreichste Comic Reihe ist und diejenige war, die in Deutschland am Stärksten für einen besseren Ruf der Comics gesorgt hat, so ist sie ausgerechnet die Reihe, dessen Verfilmungen – ich wette mal jeden Comic Enthusiasten – relativ kalt lasssen. Zumindest so lange kostümierte Schauspieler, Witze nacherzählen müssen, können sie nicht brillieren oder den Zauber wiedergeben, den ein Comic für mich birgt.
Die Faszination, die Asterix und Obelix verströmen, liegt zu neunzig Prozent im Text, nicht in den Bildern. Der Text, die Dialoge überstrahlen alles – das ist so bei Umpapah, Isnogud und Lucky Luke – wobei ich Morris, den Zeichner und Erfinder (?) von Lucky Luke, noch als den stärksten Widerpart zu Goscinny erachte. Anders gesagt: Wer etwas über Tempo und Timing lernen will, wer wissen will, wie Geschichten und Pointen funktionieren, der ist bei Goscinny herrvorragend aufgehoben, aber das ist unabhängig vom Medium dessen er sich bediente.

Wer wissen will, was Comic kann, sollte sich vom Dramaturgen, Hauptdarsteller und Regisseur Goscinny lösen. Wenn es Comics gibt, die nicht annähernd in der Qualität wie das Original in ein anderes Medium transponiert werden können, dann die Funnys von Goscinny. Versuchen Sie mal einen Film z. B. der Marx Brothers äquivalent aufs Papier zu bringen?

Die Exkursion über Goscinny musste sein. Denn Asterix und Obelix haben in Deutschland einen sakrosankten Ruf für Comics erreicht, wie ihn z. B. Loriot für Humor hat. Das ist – in diesem Fall – leider hinderlich, weil mühsam erklärt werden muss, warum eine tiefere Beschäftigung mit A&O für das Thema Comic (und Film) nicht ergiebig sind.

Vielversprechender für die Beschäftigung mit Comic und Film, sind schon die Abenteuer von Tim & Struppi, deren Kino Debut kurz bevor steht. Diese Alben bergen mehr Stoff- und Spielmaterial für einen Film, als jede Asterix und Obelix Geschichte, auch wenn sie wie diese im klassischen Stil gehalten sind.
Mit klassisch meine ich im Sinne der belgischen Schule. Stilführend für diese Reihen sind die Arbeiten von Herge, Franquin, Peyo, Fournier und E. P. Jacobs:

[Quote] Kennzeichnende Merkmale sind präzise Konturen und die flächige einfarbige Kolorierung. Die Zeichner verzichten weitgehend auf Schraffuren, Schattierungen und Farbverläufe. In den Comics der Ligne Claire werden Personen gern in vereinfacht-abstrahierter Form dargestellt, während Dekor und Hintergrund meist in realistischer Manier abgebildet werden.[/quote] Siehe Wikipedia zu Ligne Claire

Der Effekt dieser Technik ist durchaus vergleichbar mit der High Definition Technik. von heute. Die Abenteuer von Tim und Struppi waren nichts anderes, als James Bond Abenteuer aber schon damals in HD Qualität.

Aber den Alben dieser Reihen ist die Abstammung vom Comicstrip noch all zu deutlich anzusehen. Jede ihrer Comic-Seiten wird in klar voneinander abgegrenzten, rechteckigen Koordinaten aufgeteilt und Bild und Sprechblasen sind mühelos gemäß des europäischen Leseflusses von links oben nach rechts unten angeordnet. Experimentell für diese Schule ist da schon die Eingangssequenz des Asterix und Obelix Abenteuers: Die große Übefahrt. Dessen Anfangsseite, bzw. die Bilder in den Koordianten auf der ersten Seite sind weiß. Das war Uderzos und Goscinnys größter Wagemut nach dreiundzwanzig Alben, neue Comic- Welten zu entdecken, bzw. den Leser aufzufordern seinen Horizont zu erweitern – und es verwundert bei Goscinny nicht, dass er bei dem Titel und dem Inhalt bereit war – für ihre Verhältnisse – Wagnisse einzugehen. Anders formuliert: die von mir erwähnten franko-belgischen Reihen plazierten die Kamera ähnlich wie die Filmpioniere des ganz fühen zwanzigsten Jahrhunderts mittig-mittig in den Zuschauerraum und tuschten und tuschen noch immer aus dieser Perspektive brav ihre Daumenkino-Bilderstrips mit immer besserer Technik.

Der große Filmpionier Re- und Evolutionär W. C. Griffith* versuchte nach relativ kurzer Zeit mehr mit den Mitteln seines Mediums, als die eben genannten Comic Zeichner es nach Jahrzehnten tun. Griffith revolutionierte den Schnitt und die Kameratechnik, führte neue Elemente ein, während die Genannten den vorgegebenen Stil im Medium Comic perfektionierten und noch heute perfektionieren und erst jüngst – so als spräche es all dem was ich gerade labere Hohn – einer die charmanteste und genialste Fortführung dieser Schule ablieferte und gleichzeitig deutlich machte wieviel Potential sie hat. Dazu aber später mehr.

Nicht, dass es in Frankreich, Belgien oder in Europa nichts anderes als Geschichten a la den Schlümpfen gegeben hätte, aber bevor ich Enki Bilal oder Moebius entdeckte, eröffneten mir die Amerikaner, Eisner, Spiegelman und Crumb neue Welten. Keine Knollennasenmännchen. Keine Welten wie sie moderne Blockbuster des modernen Kinos gerne abbilden, sondern häßliche, reale Schwarzweißwelten. Während Crumb u. a. klassisch-knuffige Knollennasen und Figuren aus dem klassischen Comicuniversum in die Welt realer Anarchisten, Terroristen, Gottsuchern, Sexfanatikern oder Exploranten des Enddarms überführte, also die Realtät im doppelten Sinne überführte, nutzte Eisner den Comic nicht um zu vereinfachen, oder mit vereinfachten Figuren eine Geschichte zu erzählen, sondern erzählte im Stile eines penibel ausgearbeiteten Film-Storyboards Geschichten wie sie später ein Paul Auster z.B. in Moon Over Manhatten oder New York Stories erzählt.
Spiegelmans „Maus“ nutzt hingegen konsequent und sicherlich bei dem Thema Holocaust nicht gerade naheliegend – sogar widersprechend – die vereinfachenden, abstrahierenden Möglichkeiten des Comics. Spätestens am Ende des Comics** „Maus“ gibt es aber keine Mäuse mehr. Am Ende sind die Figuren und ihre Geschichten dem Korsett ihrer Stereotype entwachsen. Sie sind Individuen, keine Karikaturen oder Sammelbegriffe. Maus? Ja! Aber nicht Maus.

Dennoch sind auch die letztgenannten Autoren im Käsekästchen eines Comicstrips verfangen – da helfen auch die Ausgaben der Sketchbooks von Crumb nicht.

Aber mit diesen drei Comic Autoren, die gerne auf Colorierungen verzichten, wollte ich verdeutlichen, wie unterschiedlich die Möglichkeiten des Comics genutzt wurden, bzw. und besser: wie ich diese Möglichkeiten erfahren, rezipiert habe.

Braucht Hertha eine Vision?

September 21, 2010

Dem Fußball fehlt vielleicht ein Vision. Hertha nicht.

Heutzutage ist jeder Verein – auch die Eisernern – in der Geld- und Erfolgsmühle. Hertha mit dem heutigen Potential das Oly zu füllen, steckt in der Bedrouille, dass das Potential sich verringert, wenn sich auf Dauer keine Erfolgserlebnisse einstellen. Die Vision lautet bei Hertha wie bei Buzz Lightyear: Meister werden bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter! Forever Number One bzw. Bayern München werden. Vison Ende.

So ein Spiel, wie das der Füchse gegen die Zebras wird Fans binden, pflegen und neue gewinnen. Aber eben auch Erwartungen schüren. Wer den Champions League Sieger schlägt und die Tabellenspitze erklimmt, kann auch Meister werden. Ein prickelndes, belebendes, erfirischendes Gefühl. Wie Champagner. St. Pauli benannte es punktgenau mit dem Weltpokalsiegerbesieger Slogan – und vermarktete diesen, einen Sieg professioneller als Bayern München all ihre Pokale. Siegerbesieger ist ein geflügeltes Wort geworden, was das Branding von St. Pauli hat. Unbezahlbar – wenn man es vermarktet, ansonsten ist es kostenlose Nostalgie.

Vor mehr als einem Jahr schlug Hertha die Bayern und erklomm mit diesem Sieg auch noch die Tabellenspitze. Ein vergleichbares Spiel zu den Füchsen und auch zu St. Paulis Sieg. Das haben die Hertha-Fans und das Berliner Fußballpublikum nicht vergessen. Ich bestimmt nicht. Trotz einer katastrophalen Saison im Anschluß. Vergessen aber, bzw. kein Grund mehr zu Hertha zu gehen, sind die Protagonisten dieser unglaublichen Nummero Uno Saison mit einer gefühlten zweistelligen Anzahl an Spieltagen an denen wir die Tabellenspitze besetzt haben und ein Lied kreiert wurde: „Hey, was geht ab?“

Ja, was geht denn noch ab? Zumindest gehen heute keiner der Voronins, Friedrichs, Simunics, Drobnys und Pantelics ab. Nur im Sinne von: Geht ab, denn sie sind weg. Obwohl sie nicht einmal im Ruhezustand ist. Sie sind jetzt Helden oder Versager für Andere, die dieses Lied oder ein anderes singen. Fragt nach bei Wolfsburg, den HSV, Moskau oder Amsterdam. Austauschbar wie Panini Bildchen. So lange sie unter unserer Kuppel waren, waren sie eine Attraktion: Heilige und unvergessen. Jetzt, sind sie weg. Na gut, dann kommen neue Clowns und ein heutiger Besuch im Oly bringt sie uns nicht näher. Im Gegenteil. Ihr Auftritt: Herr Schulz, Herr Djuricin und co. Wenigstens für die Dauer des Engagements.

Ich bin in der letzten Saison nicht Mitglied bei Hertha geworden, weil Hertha eine Vision hat oder tolle Fans, sondern  weil Hertha trotz oder wegen seiner Irrungen der Club ist, der mich wie ein Entenküken geprägt hat aber auch der Club ist, der Bayern, Mainz, HSV, S04, Pauli und Gladbach zusammen ist. Bauten wir uns ein Stadion, wären wir auch noch Eisern. Hertha? Hertha ist vollkommen durchgeknallt und die allerschärfste Achterbahn der Liga.

Hertha ist 1978/79 im Habfinale des Uefacup gewesen, 1986/87 in der Dritten, nicht der dritten Profiliga sondern der Amateur-Oberliga, weil Alemannia Aachen zu stark für die Hertha gewesen war, 1997/98 wieder in die Erste aufgestiegen und eigentlich auch wieder mal nach einem Jahr aus der ersten Liga abgestiegen, aber, denkste Härtha, 1999/2000 in der Champions League gewesen und gegen Barca unentschieden gespielt und – hau wech den Schaiß –  AC Mailand, FC Chelsea geschlagen, in der Saison 2008/2009 am 24. Spieltag mit vier Punkten Vorsrpung die Spitze der Liga besetzt aber im Jahr 2009/2010 die Negativrekorde von Tasmania 98 gebrochen. So zwischendurch mal hat die Amateurabteilung der Hertha im Stile einer Fohlen-Elf das Finale eines DFB Pokals erstürmt. Wow.

Diese Kapriolen schlägt – was die letzten drei Jahrzehnte angeht – keiner. Frankfurt vielleicht. Aber denen fehlt die offiziellle Abmahnung für ihr Tun. Während die Hertha ganz inoffziell-italienisch für Herrn Canellas gekickt hat. Ja, diesen Schmutz trägt nur noch das Schalker Königsblau als Alleinstellungsmerkmal.

Hertha ist Fußball. Schmutzig und Glänzend und auf jeden Fall bewegend – auch wenn nichts mehr zu gehen scheint. Hertha ist ein ewiges Versprechen auf die perfekte Saison, den perfekten Lauf. Hertha zu lieben heißt: nie deutscher Meister werden. Außer in der Erinnerung. Auf die schmutzigen Seiten, die Skandale den Mief um Holst am Zoo kann ich gerne in Zukunft verzichten, aber ich weiß auch, dass dieser Mief – wie diese zwanziger Jahre Hymne über die blauen Jungs – immer an Hertha kleben bleiben wird wie der halbseidene Charakter als sei die Hertha ein  Fußball-Zwilling der boxenden Rochigiani Brüder. Hertha zu lieben heißt auch: nie der favorisierte Verein der 11 Freunde und ihrer in Berlin verlegten Fußballkultur zu werden. Hertha ist nicht intellektuell. Hertha hat keine Vision – außer der zu gewinnen – ist kein Gesellschaftsmodell, kein Typ. Kein alberner. verkleideter Pirat oder Runkelritter a la Eisern oder gar ein Objekt der Begierde für politisch korrekte Künstler, Durchdenker, Kreative, Publizisten und sonstigen Ästheten, die nie über Netzer hinweggekommen sind. Hertha ist so kotig wie Du und ich – und der Fußball. Der Fußball, der nur eines will: gewinnen. Aber nie, nie, nie wird es für den gantz großen Scoop. recihen. Außer in der Erinnerung. Das ist Härter BSC

Inglorious Basterds

August 25, 2009

Pünktlich saß ich im Sessel, dass Licht ging aus und ich musste das erste mal grinsen: Ein klassischer Vorspann. Das ist eine, wie ich finde, schöne Sache, weil der Nachspann nicht mehr beachtet wird. Aber der Vorspann war nicht einheitlich, mal erinnerte er mich an Italo Western, mal mich an den Schriftzug vom Paten und dann wechselte er wieder und ich war überfordert wo ich die Schriftart hinpacken sollte – aber ich war glücklich.

Dann erblickt das Auge eine endlose Landschaft gespickt mit Feldern und eine Zeile erscheint, die sowohl an Leones Meisterwerke erinnert, aber eben auch das klassische Märchenmotiv ist: Once Upon a Time.

Wir können das jetzt drehen wie wir wollen: Italo Western oder (Grimms) Märchen. Beides zeichnet sich durch hohe Brutalität und dadurch – logischerweise – fragwürdige Moral aus.

Da, wird der Wolf aufgeschnitten und es werden ihm Steine in den Magen gelegt – das ist nicht nett. Oder sagen wir es anders: die Todesstrafe für die Bösen wird in den Märchen ganz selbstverständlich vollstreckt und manchmal auch mit finsterster Durchtriebenheit. Ja, in den Märchen ist eben klar, wer gut und wer böse ist, da macht das Meucheln Spaß.

Dort aber, im Italo Western, ist der Hurra-der-Jäger-ist-jetzt-da, der Cowboy mit dem knallweißen Hut im stark gebügelten Hemd, nicht Stilelement. Im Italo Western ist Henry – Blauauge – Fonda auf einmal nicht mehr der Edle, sondern der Bösewicht, der seinen Priem auf die Straße schnoddert und der häßliche, unbekannte Bronson ist sein Racheengel. Ist Bronson auch der Gute? Tja, die Kategorien Gut und Böse, schwarz und weiß, sind von Leone gestrichen worden – was aber nicht heißt, dass alles erlaubt ist.

Once Upon a Time – so stehts nun auch bei Tarantinons Basterds geschrieben und „Für Elise“ untermalt das wunderschöne, paradiesische, ja märchenhafte Ambiente. Aber mit, dem ganz leicht hinterhinkenden: In Nazi occupied France, dem einsetzenden Motorengeräusch und dem abbrechenden klassischen Klavier Thema hin zum klassischen Morricone Thema, ist die Verirrung perfekt.

Wie jetzt? Ein Märchen mit Nazis? Vermixt mit einem Sphagetti Western a la Leone? Will mich Tarantino verarschen? Nein, der will nur spielen – Verarschung inkusive.

Aber das Spiel geht auf. Mit einem Schlag ist es ein Western und ist es doch ein Märchen. Wer ist der beste, böse Wolf, den sich nur die Realtät hätte ausdenken können? Der Nazi. Aber wo bleibt dann der blauäugige Fonda? Wo ist der Teufel den Leone losgelassen hat, um die Muster zu brechen? Wo ist der böse Henry, der das Publikum damals geschockt hatte, weil er sonst immer der Gute war? Wo ist Henry Fonda?

Man muss dem Film – den Inglorious Basterds – nur ein, zwei Minuten geben und dann entdeckt man, dann ensteigt dem Wagen: Hans Landa.

Landa hat keine blauen Augen, er ist nicht hübsch, aber: er ist kultiviert, akzentuiert, sinister und als ob das noch nicht ausreicht: er spricht, wie der Teufel, in verschiedenen Zungen und statt Wein trinkte er weiße Milch.

Landa steckt zweifellos im Wolfskostüm und ist doch so überzeugend wie der aufrichtige Fonda, als er Elf andere Geschworene davon überzeugt, dass der Fall nicht so klar liegt, wie er scheint.

Wenn Sie gerade beim Lesen das Gefühl haben, dass ich Schauspieler und Rolle verwechsle, Fakt und Fiktion, dann schauen Sie sich diesen Bastard von Film an und entdecken Sie Winnetou. Wenn Sie Winnetou entdecken, verstehen Sie was ich meine und vielleicht eine Möglichkeit, warum die Auerbach – Kellerszene in der Winnetou versteckt ist, nicht rausgeschnitten wurde oder was ihr Pudels Kern sein könnte. Vergessen Sie dabei nie, dass Sie nur ein Märchen serviert bekommen, was nicht mehr sein will, als ein Märchen. Denn das Märchen, das Gerücht, das Gegenteil des Faktischen und der wissenschaftlichen Erforschung, ist ja auch viel bewegender, als trockene Fakten, Fakten, Fakten – womit wir wieder bei Kapitel Eins und Hans Landa sind.

Landa findet Fakten auch viel uninteressanter als Gerüchte.

- Mist, muss erstmal unterbrechen.

Sascha Lobo?

Mai 10, 2009

Wer ist Lobo? Wie ist seine Schuhgröße? Lobo ist eine Inszenierung, die virtuell-real geworden ist? Nein.  Lobo ist Lobo geworden. Lobo konnte nicht umhin, Lobo auch außerhalb von Null und Eins zu sein. Schade.

Mich gruselt, dass nicht irgendein Lobo, sondern Sascha Lobo, Erziehung einfordert, um den Umgang mit den neuen Medien zu lehren.  Lobo? Lobo, ist der, der ganz profan und ziemlich miefig, spießig mit seinem Gesicht auf der dreidimensionalen Ausgabe des heutigen Tagesspiegels (10.05.2009) prangt. Das ist noch angepasster, als der müde Theodor von Heinz Erhardt (lief heute auf rbb).

Lobo? Lobo, ist eben keine virtuelle Figur, sondern ein Ego wie Du und ich, dass eben nicht virtuell und vielleicht sogar verteilbar ist. Nein, Lobo ist Lobo, ist Erhardt oder mein Nachbar, vulgo ist Lobo langweilig und nichts anderes als ein weiterer auf ein reales Klingelschild reduzierbarer Name.

Das Internet wird von einem Lobo nicht als neues Medium, sondern als Sprungbrett benutzt, um in die alte Welt der Medien zu kommen. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, aber originell ist es nicht.

Es grüßt den Racter und nicht den Lobo,

Ruben Ballutschinski

Feinbeins Feiner Feihnachtskalender

November 29, 2008

1

Stundenlang hatte Chefermittler Feinbein alles protokolliert, was der Trickbetrügerweihnachtsmann der Weihnachtsmarktkundschaft aus dem Rock gezogen hatte. Der Ablauf war simpel. Ein Mann mit rotem Kostüm und weißem Bart lockte Kinder, die an der Seite der Eltern gingen, mit einem Trick zu sich heran. Mal verknetete er Luftballons zu Rentieren oder zauberte aus dem Nichts eine Taschentuchprinzessin. Er war geschickt. Die Liste der gestohlenen Gegenstände war lang. Ferfried gähnte. Mit Weihnachten war er durch. Ferfried hatte früh gelernt, dass zu Weihnachten der gewinnt, der schamlos Vertrauen und Seligkeit ausnutzt. Trotzdem befriedigte es Ferfried, dass er diesem Santa die Fresse polieren würde.

2

Feinbein saß in seinem Dienstfahrzeug und beobachtete eine verdächtige Wohnung. Angefangen hatte es Ostern und im Sommer war die Wohnung ein heißes Gerücht. Delia, so hieß die Hure, betrieb keinen Discountfick, sondern jagte die Betuchten oder Nützlichen. Als die Tage grau wurden, erhöhte sich der Verkehr, nach Totensonntag schienen die kleinstädtischen Honoratioren zu glauben, man könne sich den Trübsinn aus den Eiern blasen lassen, bevor man in Familie macht. Feinbeins Lieblingsentrepreneur und Freier kam heraus und lächelte befriedigt. „Arschloch“, dachte Feinbein und beobachtete weiter. Es war spät geworden. Natürlich hatte er Delias Geheimnummer. Er könnte sie befragen – rein dienstlich.

3

Das Geschwätz war unerträglich. Aber er war ein Zuhörer. Er war es gewohnt nach Feierabend in seiner Kneipe sein Feierabendbier zu trinken, Er war Polizist, er hieß Ferfried Feinbein und es wartete eh niemand auf ihn zu Hause. Zu Hause? Das war sein Bezirk, seine Arbeit und nicht die Box, die er mieten musste, weil der Mensch auch schlafen muss. Das Geschwätz war immer noch unerträglich. Es drehte sich um die großen Lösungen für alle Probleme. Ob die Menschen wussten, was sie für eine Scheiße erzählen? Alkohol betäubt. Er nickte, orderte ein weiteres Pils. Mehr passierte nicht am dritten Advent.

4

Das Bürotelefon klingelte. Der übergewichtige Kommissar Ferfried Feinbein gähnte und war sackmüde. Er hatte schlechter als sonst geschlafen und quälte sich über den Tag. Er atmete nachts zu wenig. Schnarchapnoe. Heute Abend war die Weihnachtsfeier der Direktion. Es würde ein Besäufnis werden. Das Telefon klingelte: Rrrrring. Ferfried nahm ab.

„Feinbein?“

„Hallo Herr Feinbein“, meldete sich der Betriebsarzt und nahm Ferfried ins Gebet: „Laut meinen Unterlagen liegt ihr letzter Fitness- und Eignungstest über zwei Jahre zurück. Das geht nicht. Sie müssen sich untersuchen lassen.“

„Noch vor Weihnachten?“

„Nein, am 28. Dezember. Termin steht.“

Ferfried legte einfach auf. Termin steht. Ende absehbar.

5

Der Kerl war gerissen. Das war allen klar. Ein Strauchdieb verkleidet als Weihnachtsmann. Das hatte Brisanz in dem kleinen Ort, wo Ferfried Feinbein für Recht und Ordnung stand. In seinem Bezirk lebten die Leute noch in dem Glauben: Unrecht wohnt woanders. Ferfried wusste es natürlich besser. Der falsche Weihnachtsmann war nur die Spitze des Eisbergs. Aber endlich hatte Ferfried Gelegenheit, mit einem Trauma aus seiner Kindheit abzurechnen. Für klein Ferfried war der Weihnachtsmann schon immer ein Krimineller gewesen. Er erpresste das Wohlverhalten der Kinder mit seiner Rute. Strauchdieb oder Weihnachtsmann? Real? Irreal? Ganz egal. Ferfried würde ihn zur Strecke bringen.

6

„Verdacht auf Bruxismus und Apnoen.“, sagte sein Hausarzt und sah den Polizisten Feinbein skeptisch an. „Sie müssen ins Schlaflabor, aber vor Weihnachten sehe ich schwarz. Da sehe ich für das ganze nächste halbe Jahr schwarz.“ Feinbein – nackt – sah den Mann in Weiß stoisch an. „Gehe nie vor Weihnachten zum Arzt!“, dachte er und: „Wenn wir allen Verdachtsmomenten erst ein halbes Jahr später nachgingen, was wäre dann?“. Der Gesetzesmann ahnte, dass er die Arschkarte gezogen hatte, weil er gesetzlich versichert war. „Die Anderen, kommen früher dran. Die Anderen kriegen eine Maske. Die Anderen leben weiter. Ich sterbe dafür im Schlaf.“

7

Der Anruf war früh gekommen. Kinder auf dem Schulweg durchs Bruchtal – wo sie nicht langgehen sollen, weil dort Zigeuner wohnen und schon gar nicht im Dezember, wenn es morgens sacknacht ist – hatten auf der Wache angerufen. Eine Leiche im Fischteich. Wahrscheinlich haben sie Fotos mit Handys gemacht und schickten sie sich zu. Angefasst hatten sie den Toten nicht. Die Leiche war aufgedunsen und abscheulich. Vor diesem Anblick hatten sie Respekt. „Wenigstens das“, dachte Polizist Feinbein, als die Wasserleiche in den Bodybag gesteckt wurde. Im Kopf hörte er die Stimme seines Vaters, wie sie Benns Aster mit „Ruhe sanft.“ beendete.

8

Sein Vater hatte eine Leidenschaft: Insekten. Und er hatte einen Sohn: Ferfried. Ferfried musste lernen, dass Calliphoridae ein Meisterwerk aus sechs Beinen, zwei Flügeln und tausenden Augen sei. Ferfried war ungeschickt, hatte vier Gliedmaßen und Basedowsche Glotzaugen. Ferfried durfte den Müll rausbringen und zuschauen, wenn man ihn selbst nicht sehen konnte, denn Vater fand Ferfrieds Glubscher zu lächerlich, um sich weiter konzentrieren zu können. So lernte Ferfried schweigen und beobachten. Ihm entgingen nicht die neuen, braunen Flecken auf Vaters Haut, und sein vorsichtiger Umgang mit Bienen. Vater verstarb am Nikolaustag an einem anaphylaktischen Schock, als er in seine Stiefel stieg.

9

„Wir haben ihn!“ Darauf hatte Kommissar Feinbein gewartet. „Jetzt geht es Dir an den Kragen. Eine Rute für Ruprecht“. Halblaut brabbelte Feinbein Verwünschungen, als er zum Weihnachtsmarkt raste. „Treibt den Betrüger zum Nordausgang, da schnappe ich ihn mir“, rief er ins Mikro, sprang aus dem Wagen, griff sich seine spezielle „Rute“ und besetzte den Ausgang keine Sekunde zu spät. Der falsche Santa stob heran. Ferfried war ein zehn Jahre alter Junge geworden, bis er den Weihnachtsmann, der ihn verfolgte, als Lüge begriffen hatte. Schuld hatte sein Vater. Jetzt rammte Ferfried dem Betrüger einen Baseballschläger in die Rippen, dass Knochen knackten.

10

Er schmierte den Gemeinderat, schmierte Gegner wie Freunde, kaufte sich Menschen wie Anzüge von der Stange und gründete Firmen am Fließband wie ein Entrepreneur. Während Zuhälterameisen ihre Muschis wie Blattläuse melkten, fickte der Entrepreneur die ganze Gemeinde in den Arsch. Polizist Feinbein war angewidert, denn sein Staatsanwalt war ein Anzug, der gekauft worden war und ihm die Hände maliziös gebunden hatte. Der Entrepreneur saß auch im Kirchenvorstand, hatte eine Familie und den Weihnachtsbaum für den Weihnachtsmarkt gestiftet. „Mit manikürten Nägeln wird keiner gekreuzigt.“, dachte Feinbein als er im werbefinanzierten Käseblatt las, dass dem Entrepreneur zu Lebzeiten eine Straße gewidmet wurde.

11

Obwohl Ferfried Feinbein etliches gerochen hatte, verschlug ihm der Gestank der Wasserleiche den Atem. Der Pathologe zeigte auf den eingeritzten Drudenfuß auf der Wange des Toten und sagte, dass die Schnitte post mortem zugefügt worden seien. „Das ist ein Zeichen der Zigeuner, oder Feinbein?“, presste der Staatsanwalt hinter vorgehaltenem Taschentuch hervor und wartete nicht mehr die Antwort seines Chefermittlers ab, sondern verließ fluchtartig den Raum. Der Pathologe schaute Feinbein an, als erwarte er eine Antwort. „Ja, das ist ein Zigeunerzinken.“ Der Pathologe nickte, schnitt weiter und Feinbein dachte: „Druden rauben Atem – Vorurteile Verstand und zur Weihnachtszeit werden alle verrückt.“

12

Ferfried hasste seinen Schwanz. Sein Schwanz war der Kriminelle, den er nicht verhaften konnte. Die Todesstrafe war abgeschafft und guillotinieren unmöglich. Ferfried war in seiner Wohnung, die er Schlafzelle nannte, und surfte. Wenn er rausguckte, sah er mit Weihnachtsbrimborium geschmückte Fenster. Leuchtende, blinkende Weihnachtszeit. Ferfried war Polizist in einer Kleinstadt und hatte Bedürfnisse. Er wusste aus sicherer Quelle, dass seit Ostern eine Hure in der Stadt arbeitete, wusste, wo sie empfing und landete endlich den Googletreffer zur Website. Sie tanzte, nur mit Weihnachtsmannmantel bekleidet über den Schirm. Ihre der Schwerkraft trotzenden Brüste wippten und seine Hose beulte sich. Einsperren unmöglich.

13

Ferfried war neun Jahre alt, als er, zwei andere Kinder und der Zigeunerjunge Hannikel wie Adventskerzen vom Lokalradio befragt wurden, wie sie Weihnachten feiern würden. Ferfried war als erster dran und erzählte, dass er vom Weihnachtsmann jedes Jahr besucht werde und der Weihnachtsmann Dinge wüsste, die er unmöglich wissen könnte, weshalb Ferfried sich stets bemühe, brav zu sein. Aber leider würde der Weihnachtsmann immer etwas finden und seinen größten Geschenkwunsch aufs nächste Jahr verschieben. Als Ferfried so gesprochen hatte, lachte Hannikel laut auf. Warum er lache? „Weil alle, die an den Weihnachtsmann glauben, auch denken, dass wir unsere Geschenke klauen.“

14

Sie bumste, wie Ferfried es sich vorgestellt hatte. Sie zog ihn aus, trug selbst Stilettos, halterlose Nylons, ein Cape und eine Weihnachtsmannmütze. Ferfried fand sie scharf und rot wie seine geschwollene Eichel, die direkt zum Polarstern zeigte; rot wie ihre Lippen, die ihn umschlangen. Er bettelte, eindringen zu dürfen. „Wichsweihnacht“, dachte er, als es geschah. Wenige Stöße später verfluchte er sich, das Geschenkpapier nicht aufgerissen und seiner Freude freien Lauf gelassen zu haben. Er merkte, wie er sich beim Atmen überholte, luftnötig wurde und unter der Hure erstickt, wenn sie nicht abgestiegen wäre. „Du bist ein Druckgeist.“, presste er hervor.

15

An einem verregneten Dezembermorgen marschierten sie über einen matschigen Weg ins Bruchtal zum Zigeunerlager. Ferfried, der Leiter der Ermittlungen, stapfte abseits der Meute und mahlte mit den Zähnen. Es galt eine Klinge zu finden, die einem Honoratioren, die Wange gezinkt hatte. Die Beamten drangen schnell in die Wohnwagen ein und durchsuchten sie. Ferfried war nicht überrascht, dass Arpad auftauchte. „Bist Du nicht der, dem Hannikel den Glauben an den Weihnachtsmann austrieb?“, fragte Arpad, Hannikels Vater.

„Ich bin der, der die Welt nicht ändert.“

„Also klauen Zigeuner noch Geschenke?“

„Es muss einen Schuldigen geben.“

Ein Polizist rief aufgeregt: „Chef!? Das Messer!“

16

Der Staatsanwalt saß konsterniert vor ihm. Kommissar Feinbein hatte ihn direkt aus einer Schulweihnachtsfeier, wo Staatsanwalt Rau den Nikolaus spielte, herbeordert. Sie hatten die Tatwaffe, keine Fingerabdrücke und sie hatten dreiunddreißig verdächtige Zigeuner, die aber keinen Ton sagten. „Dann sperren wir sie eben alle ein.“, fluchte Rau wissend, dass es keine Lösung war. „Was schlagen Sie vor Feinbein.“

„Lassen Sie sie gehen. Aber lassen Sie sich von Arpad unterschreiben, dass sie nie wiederkommen.“

„Bin ich der Weihnachtsmann?“

Feinbein lächelte und schob ihm ein vorbereitetes Formular zu. Rau unterschrieb, setzte sich seine Weihnachtsmannmütze auf und ließ sich wieder zur Feier fahren.

17

Feinbein saß im Café und sah seine Notizen durch. Schmale Karteikarten mit handgeschriebenen Vermerken. Der Fall war gelöst. Das Wesentlichste stand auf diesen Karten. Als er sich, ohne zu wissen warum, im Café umsah, fiel ihm ein kleines Kind auf, das systematisch auf seinem Schokoadventskalender die Zahl des Tages suchte. Kommissar Feinbein schüttelte den Kopf. Es war doch egal, welches Türchen wann geöffnet werden würde, denn es steckte doch immer das Gleiche dahinter? Feinbein sah auf seine Karteikarten, lächelte und widerstand nicht der Versuchung, die Karteikarten zu mischen, bevor er sie mit einem Gummiband umspannt in seiner Jackentasche verschwinden ließ.

18

Er wusste noch, Delia gefickt zu haben, weil er sonst das bevorstehende Adventswochenende mit seiner Familie nicht überstanden hätte. Auf dem Heimweg musste der Überfall passiert sein. Er lag gefesselt und geknebelt auf der Ladefläche eines Pritschenwagens. Seine Gliedmaßen waren mit Kabelbindern zusammengebunden, die sich ins Fleisch schnitten, wenn er sich bewegte. Der Wagen holperte über unwegsames Gelände. Der Wagen stoppte. Türen schlugen. Die hintere Plane öffnete sich. Es war sacknacht. Wortlos wurde er zum Fischteich geschleift, wo er den Knebel herausgerissen bekam. „Warum?“, heulte er. „Damit Du keinen mehr ficken kannst.“, erhielt er zur Antwort, bevor er ersäuft wurde.

19

Die drei Damen, die vor Feinbein im Büro Platz genommen hatten, waren die Säulen der Moral in der Stadt. Feinbein nahm ihre Klagen ernst, weil er seinen Job nicht verlieren wollte. „Wann wird die Stadt diesen Schweinepuff vom Zigeunerflittchen schließen?“, ereiferte sich die Wortführerin. „Jetzt gibt es schon einen Toten und es ist bald Weihnachten“, ergänzte eine Andere.

„Das eine muss nicht mit dem anderen zusammenhängen.“, antwortete Feinbein. „Papperlapapp!“, entgegneten die Drei.

„Das Etablissement steht längst unter Beobachtung. Ich kann ihnen versichern: Es gibt ein gesegnetes Weihnachtsfest.“

„Ohne Flittchen und Zigeuner?“ zischte die Hydra.

„So sei es!“, verpflichtete sich Feinbein.

20

„Du hast mich benutzt, um meine Leute zu verkaufen und lässt Dich von Moralaposteln ficken. Ferfried, ich bin eine Hure, aber Du bist eine Nutte und besorgst es jedem.“

„Ich wüsste nicht, dass Du Unterschiede gemacht hättest.“

„Meine Seele verkaufe ich nicht. Nur Sex. Dir ist nichts heilig. Du bist nichts.“

„Hast Du geglaubt, Du fickst den Stadtrat wund und nächste Woche feiern alle Bescherung? Mit Schnellfickpaps als Weihnachtsmann? Wenn ich Dich und Deine Leute nicht verkauft hätte, dann würdest Du jetzt tot im Teich schwimmen.“

„Was willst Du? Absolution?“

„Die Vorgartenchristenheit will Weihnachten feiern. Ich rate euch also: verschwindet.“

21

„Fährt Hans mit dem Pritschenwagen noch zum Fischteich?“, fragte Kommissar Feinbein, als er auf dem Wochenmarkt Aal kaufte.

„Jepp.“, antwortete der Verkäufer.

„Fängt er im Dezember was?“

„Jepp.“

„Guck an. Kaufst Du Hansis Fisch?“

„Nee.“

„Zu Schlecht?“

„Hansi verkauft mir nix.“

„Aber Fische fängt er?“

„Sagt er.“

„Wahrscheinlich muss er fischen gehen? So wie wir jedes Jahr Weihnachten feiern?“

„Hauptsache er fährt nicht in den Teich. Er trinkt zu viel, Herr Kommissar.“

„Und fährt mit dem Pritschenwagen nach Hause?“

„Und lässt den Schlüssel stecken.“

„Verschwände der Wagen, könnte er nicht fischen und trinken?“

„Jepp.“

„Und Weihnachten würde stattfinden können?“

„Jepp.“

22

„Da!“, sagte sein Chef triumphierend und pättete mit seinem wurstigen Zeigefinger auf Feinbeins Flachbildschirm und verdeckte das, was er zeigen wollte. „Vielleicht muss ich doof werden, um Karriere zu machen?“, dachte Kommissar Feinbein, bevor er stattdessen „Ja, Chef. Beeindruckend.“, antwortete. Sein Chef lächelte, nickte und verschwand wieder glücklich in sein Büro. Feinbein nahm ein Taschentuch und entfernte den Fettfleck vom Monitor. Als nichts mehr zu sehen war, überzeugte sich der Ermittler, dass es „Da!“ auch nichts gab, was sie eh nicht schon wussten. Abgründe findet man nicht nolens volens, sondern ehe man sich versieht, verschlingen sie einen in der Tiefe.

23

Am Vorabend wusste der zehnjährige Ferfried Feinbein, dass sein diesjähriger Weihnachtshauptwunsch, ein ferngesteuertes Polizeiauto, vom Weihnachtsmann dieses Mal nicht vermasselt werden würde. Dank des Zigeunerjungen Hannikel hatte er lernen und erfahren müssen, dass der Weihnachtsmann eine Lüge und ein Kollege seines Vaters gewesen war. Vaters Schicksal hatte sich schon zu Nikolaus entschieden, weil Paps im Stiefel einen Bienenstich hatte.

Als am Heiligabend die Tür aufging und der Weihnachtsmann eintrat, wusste Ferfried, wer hinter der Maske steckte, wusste, dass Paps dem Weihnachtsmannkollegen nicht mehr seine Geheimnisse hatte verraten können, die Ferfried im kindlichen Vertrauen weitererzählt hatte. Ferfried bekam das ferngesteuerte Polizeiauto.

24

Der Wecker war eine Minute vor der Weckzeit stehen geblieben. Chefermittler Ferfried Feinbein saß, als es schon viel zu spät war, noch lange auf der Bettkante und kratzte sich an seinem Hinterkopf. „Seltsam“, dachte er. „Gestern hatte doch alles funktioniert?“

Nachdem er sich vom Schock seines und des Weckers Versagen erholt und befriedigt unter der Dusche festgestellt hatte, dass er immer noch in der Lage war, sich einen herunterzuholen, telefonierte Ferfried mit der Zentrale und ließ sich bestätigen, dass er letzte Nacht nicht verstorben sei. So hatte er sich früher seinen Tod ausgemalt: Eine Minute vor dem Start, einfach wegzubleiben.

August – Monat der Vor- und Wiedergänger

August 29, 2008

August

Spätsommer mit Vergangenheit und mit Folgen

Der August folgt auf den Juli sowie Augustus auf Caesar und jener Octavianus, der Achte, gibt dem Monat auch seinen Namen.

Am ersten August erklärte der deutsche Kaiser, Willhelm der Zweite, der Welt den Krieg. Nein, nicht er allein, vielmehr Verzweiflung derer, die ihren Anspruch auf Scholle, Pfründe und höherer Genetik in äußerster Gefahr sahen und im Krieg die ultima ratio, sorgten für den Fall.

Wilhelm Zwo, der letzte Kaiser der Hohenzollern, hatte viel von einem dummen August, der von anderen Mächten getrieben wurde. Er erinnert mich in dieser Situation von 1914 fatal an George W. Bush. Auch der musste reagieren, beziehungsweise schien und scheint er mir in keiner seiner Entscheidungen autark gewesen zu sein, sondern immer ein Spielball verdeckt bleibender Interessen. Aber George W. Bush, der amerikanische Caesar, der über den Rubicon der Freiheit nach Guantanamo gerudert wurde und vielleicht auf halbem Wege das Gespenst eines anderen Präsidenten, das den Delaware in entgegen gesetzter Richtung überquerte, gesehen haben mag, soll hier nicht das alleinige Thema sein, aber wenn ich mich mit Augustus beschäftige, komme ich an Julius, an dem was vorher passierte, nicht vorbei.

Der Zwanzigste Juli verstrich auch dieses Jahr wieder mit dem feierlichen Gelöbnis junger Rekruten. Diesmal diente das Bundesparlament auch Reichstag genannt statt dem Bendlerblock als Kulisse. Die jungen, uniformierten Bürger schworen mit Pathos, dass sie Soldaten des Parlamentes – und ich hoffe doch auch des Volkes – sein werden.

Die Verschwörung des zwanzigsten Julis dient als Schirmherr dieser Veranstaltung. Die Männer um Tresckow und Stauffenberg sind Paten der neuen Armee geworden und ihr Widerstand gegen Hitler galt und gilt der Bundesrepublik als moralische Wurzel und als sittliche Anweisung. Es gibt kein anderes Datum das auch nur annähernd diese Bedeutung im deutschen Widerstand gegen die Nazis hat, denn keine andere Gruppe hatte die Möglichkeiten nicht nur Hitler, sondern auch das Regime zu beseitigen oder wenigstens nachhaltig zu verändern. Eine Chance wie sie der Verräter Brutus und seine Mitverschwörer auch gehabt hatten und zur Hälfte nutzten.

Den Respekt folgender Generationen haben sich die Männer und Frauen um Stauffenberg verdient. Doch als ich jetzt wieder das Pathos sah mit dem die Rekruten vereidigt wurden und im Hintergrund den Reichstag, musste ich unwillkürlich daran denken, dass die damaligen Verschwörer mit dem Reichstag als Sitz des Parlamentes wohl wenig positives verbunden haben dürften. Attribute wie Quasselbude dürften die Herren Offiziere dem Gebäude verliehen haben.

Nein, für das Parlament, die Demokratie wollten sie bestimmt nicht sterben, viel mehr träumten sie vom Kaiser mit Bart. Ja, es war ein durch und durch Konservativer Widerstand der am 20. Juli 1944 versuchte das Schicksal noch zu wenden. Es war mit Sicherheit nicht leicht gewesen, Verschwörer zu werden und geschworene Eide zu brechen. Das konservative Ethos, dass Pflichterfüllung bejaht, revolutionäre Akte dagegen verbietet und die lange nicht in Zweifel gezogene Legitimität der Naziherrschaft und nicht zuletzt der auf Adolf Hitler geschworene Eid, wird den Verschwörern ihre Sache nicht leichter gemacht haben. Vielleicht liegt hier auch ein Grund für das Scheitern? Jedenfalls spiegelt sich hier eine konservative Schizophrenie, die schon im Vorlauf für den ersten Weltkrieg dem von Konservativen ach so vielgeliebten Vaterland statt Verheißung nur Verderben und Verruf brachte.

Die Zahlen der Wahlen von 1912 waren nicht nur ein Menetekel, nein, sie waren ein Fanal. Die Zahlen schoben die Monarchie an den Rand der Klippen der Zivilisation. Letztere sollte Thomas Mann bis aufs letzte Wort im Namen der organisch gewachsenen deutschen Kultur bekämpfen. Denn auch er konnte im französisch, egalitären Verständnis nur oberflächlichen Journalismus und Boulevard, statt faustisch-deutscher Durchdringung bis auf die Wurzeln erkennen. Zivilisation, Demokratie war ihm ein alles verschlingendes Großmaul der Beliebigkeit und Mehrheit – personifiziert in seinem liederlichen aber vor dem Kriege erfolgreicheren Bruder Heinrichs. Für Thomas Mann war der Krieg seines Kaisers, oder der Kräfte hinter seinem Kaiser, auch ein Krieg gegen den Terror: den Terror der Gleichmacherei.

Das ist nicht so altbacken wie es vielleicht klingt, denn wir schmähen nicht selten den amerikanischen Einfluss von Fastfood und Hollywood und fühlen uns als bedrängte Kulturnation. Doch unter „Wir“ finden sich selten die Meisten, sondern nicht wenige Wirrköpfe, sture Traditionalisten von links wie rechts und verbissen, um ihre Bedeutsamkeit kämpfende adlige Junker von einst oder elitäre Intellektuelle von heute. Aber angesichts eines Politshowspektakels mit abschließendem Feuerwerk und Küsschen für die Frau, die Kinder und – wäre er nur da gewesen – auch den Hund, wie wir es jetzt gerade im Stadion der Denver Broncos erlebt haben, könnte ich in Versuchung geraten, die amerikanische Kultur zu beckmessern. Aber da ich nicht unreflektiert ins Fahrwasser Mannscher Bekenntnisse eines Unpolitischen geraten oder mich ungewollt zum Anwalt derjenigen machen mag, die ihre Rituale für heilige Kühe und am Ende gar Gesellschaftsordnungen respektive Macht- und Verantwortungsverteilungen mit der Phrase des organisch Gewachsenen unter Artenschutz stellen wollen, geraten will, bekenne ich, dass ich die Respektlosigkeit und Kreativität, die Ungebundenheit, Intelligenz und Spontaneität vieler Amerikaner bewundere und mich gerne von ihnen beeinflussen lasse und bin. Yes we can, I take pride und I have a dream.

“Wir schaffen das”, „wir sind stolz“ und „wir haben einen Traum“, hätten die Verschwörer vom zwanzigsten Juli sicherlich sich auch zuraunen können, aber ich unterstelle, dass diese Formeln eher der Gruppe der Weißen Rose oder im Singular Georg Elser zugeordnet werden kann, als dem Offiziersklub, dessen Visionen sich ausschließlich aus Vergangenheit speiste, deren Untergang ihr letzter Kaiser schon am letzten, ersten August verkündete und besiegelt hatte. Gescheitert sind alle.

McCain, Obama und Putin sind zur Zeit potentielle Nachfolger ihrer Vorgänger, Gezeitenwechsler, Octaviane des Julis – und nur Putin genießt den Luxus, sich selbst, als sein eigener Stellvertreter, nachfolgen zu können.

August, dummer August, das ist der Erntemonat und der, der seine Felder in den Staaten oder im Kaukasus nicht bestellt hat, wird den Winter nicht erleben.

Juli – Bärenmonat

Juli 1, 2008

Juli.

Bärenmonat.

Der Juli wurde einstmals, in heidnischer Vorzeit, Bären- oder Honigmonat genannt, aber seit geraumer Zeit, ist dieser Monat dem großen Feldherren und Kalenderreformer Julius Caesar gewidmet.

Bruno, der Problembär, hat in seinem letzten Lebensjahr den nach seiner Art benannten Monat nicht mehr erleben können. Wenige Stunden vor dem ersten Tag des Juleis setzten die Jäger seinem Leben ein Ende. Demzufolge erlebte er keinen vierten oder vierzehnten Juli oder einen anderen Feiertag der Freiheit.

Tröste dich, Bruno Bär, wir erleben unsere Tage zwar in Freiheit, aber welche Bedrohung und welche Befreiung darin liegt, wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass du, Bruno, deine ungezähmte Freiheit mit dem Leben bezahlen musstest.

Obwohl unsere Gatter offen und unsere Wege nicht vorgezeichnet sind, fühlen wir unsere Beine nicht. Sie sind so schwer und taub, wie die von Dr. Seltsam. Festgefahren und bewegungslos erdulden wir die Sonne im Hitzezenit und wedeln wie doll und verrückt, so als seien wir junge Hunde, mit dem Schwanz, wenn wir in den Schatten geschoben werden oder wenn uns ein Gönner eine Schale zum Schlabbern hinhält.

Bruno hat es versucht. Bruno überquerte die Alpen und Bruno riss Schafe. Schafe, von denen wir insgeheim vermuteten, dass Bruno sie aus einer Wollmatrix befreit hat, denn ansonsten hätten wir Bruno nur gestattet in die Honigtöpfchen zu fassen, statt wie der Wolf Lämmer zu reißen. Aber weil Bruno frei war und uns Insassen einer Eins-, Zwei- , Drei-, Vielraumbastille den Geschmack der Freiheit näher brachte, galt ihm unsere Sympathie. Aber Bruno wurde erschossen. Erschossen, ausgestopft und ausgestellt bevor der Juli dräute. Ich befürchte, es bedarf keines Fangschusses um mich auszustopfen. Diesen Job erledige ich selbst – mit gefühltem lebendigen Geist.

Bruno war frei und ungezähmt und brauchte keine Auszeit, während ich Urlaub buchen muss, um meinen knapp hundert Meter hohen, zweihundertfünfundzwanzig Tonnen schweren Koloss und Traum der Freiheit bewundern und Schnappschüsse machen zu können. Schnappschüsse, die mir beweisen, dass ich Reisefreiheit genieße, dass ich ein freier Mensch und kein ungesetzlicher Krieger bin.

Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,
die bemitleidenswerten Abgelehnten eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
hoch halt’ ich mein Licht am gold’nen Tore!

Irgendwann differiert der Kalender so stark mit der Umlaufbahn der couchkartoffelförmigen Erde um unser Lebenslicht, dass es eines neuen Kalenders bedarf, zumindest einer Korrektur, einer Neupositionierung der Kartoffel zur Sonne, um nicht zu sagen: eines besseren Platzes an der Sonne. Das Ungemach, dass aus solchem Wollen erwächst, ist mir aber solch ein Graus, dass ich es dabei belasse mein Handtuch schon in der Frühe auf die besten Stühle – auf die Honigseite – zu legen, weil ich mich danach noch bräsig für ein-, zwei Stunden in meine Höhle zurückziehen kann.

Ihr Abenteurer im Mittelmeer, ihr Freihheitssucher, Heimatlosen und Getriebenen, ihr Abgelehnten, ihr Brunos und ihr Geknechteten, euch wünscht Ruben Ballutschinski – ein kleines Licht des Okzidents – eine handtuchfreie Liege. Aber wahrscheinlich löst sich wieder ein Schuß oder dringt Wasser durch ein Leck und begräbt den Freiheitsdrang auf nassem Grund.

Juni – Halbzeit

Juni 13, 2008

Juni

Halbzeit. Die Sonne steht im Zenit. Die Tage werden wieder kürzer. Es beginnt die Zeit zurückzublicken. Bergfest. Bei denen, bei denen sich Zufriedenheit einstellt ob des Erreichten, wölbt sich ganz schnell auch ein Bäuchlein unter dem lässig gelabelten Wochenendshirt. Gut genährt und doppelt zugenäht.

Grillen ist in dieser Lebensphase eine Tätigkeit und keine Metapher mehr für die Flausen der Jugend. Wir grillen selbstverständlich gerne und jeder auf dem Niveau seines Erfolges. Der eine grillt mit Käfer Catering, Eventzelt und Cohibas, der andere mit Holzkohle, Pantinen und Bruzzler. Aber eine bei dreißig Grad im Schatten von Schweiß und Abgasen aus allen Löchern geschwängerten Luft nivelliert die Unterschiede und säugt uns alle mit dem selben Odem, Brodem oder Sprit.

Wenn wir dann am längsten Feierabend des Jahres mit dem letzten Sonnenzipfel uns den wirklich allerletzten in den Knien einschenken lassen und bei „So ein Tag, so wunderschön…“ oder „We are the Champions“ uns bereitwillig und gegenseitig in die Arme fallen, dann ist vielleicht auch die Nation Europa- oder Milchstraßenmeister geworden, aber letztlich sind wir nur besoffen. Besoffen von uns selbst. Ob Yacht oder Stehimbiss, ob Lehmann oder Selfmademan, jeder von uns ist doch nur ein Primat, der zu viel von den in der Sonne vergorenen Früchten des Affenbrotbaums verkostet hat. Derart berauscht vom Leben, der Sonne und dem Zufall in Dickundreichland geboren worden zu sein, ist es mir unmöglich, qualitative Unterschiede in der Stopf- und Mästung der Dickbäuche entdecken zu können.

Satt und fett waren wir schon in Korl Morx Stodt. Die dicken Kinder lebten und leben nicht nur in Landau, sondern auch immer schon in Schkopau. Nicht ein leerer Magen trieb kolonnenweise Trabantenfahrer durch die Innenstädte, nein, sondern nur Grillen über Gleichheit, Freiheit und Leben und Reichtum ohne Grenzen kurzum die Aussicht auf ein besseres, bunteres, geileres Leben. Grillen der Jugend. Heute blicken wir zurück und morgen feiern wir schon zwanzigjährige Wiederkehr der Wiedervereinigung. Grillen leben wohltemperiert gerademal ein Jahr, aber – so als seien sie Verwandte der Zikaden – kehren sie nicht alle dreizehn oder siebzehn Jahre wie die Zikade gleichen Namens sondern erst alle einundzwanzig Jahre ins Leben zurück und den Gesang dieser Grillen können wohl nur die hören, deren Geist nie Volljährigkeit erreicht und deren Leben, Werden, Wachsen immer weiter geht und über einen solchen Johannis sprach: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ Johannis hatte seinen Zenit erreicht, schaute zurück, begann zu grillen und begann sich zu erinnern.

Wir erinnern des Johannis noch heute mit Feuer, brennenden Rädern und Tanz um einen Flammenkranz. Ein Halbjahressilvesterspektakel gegen Dämonen, Krankheiten und Misswuchs, bevor wir ernten was wir gesät haben. Im Licht der alten Feuer, wenn ich es einfange, sehe ich keine Erinnerung sondern bange Hoffnung , sehe im Feuer einen Wechsel auf die Zukunft, eine quer und wild unterschriebene Bürgschaft.

Heute, wenn die Mahd wie letztes Jahr schon eingefahren, Dämonen im Kinderzimmer und Misswuchs nur in Formalin gelagert in medizinischen Museen zu bewundern ist, gibt es keine Angst vor der Zukunft und keine Zweifel, dass wir uns nicht betrinken sollten. Stattdessen haben wir Angst, keinen Grund mehr zu finden, warum wir uns besaufen sollten. Sommersonnenwende.

Mai – Monat des Aufbruchs!

Mai 15, 2008

Mai – der Monat der Erneuerung, des Aufbruchs und des Wachstums!

„Alles neu“, so singen wir wohl seit alter Zeit, mache der Mai: „Komm lieber Mai und mache!“ Das hat für mich wegen des Machens einen faschistischen Beigeschmack. Denn lateinisch facere heißt machen. Aus facere leitet sich dieses Monstrumswort Faschismus ab, in das viel Theorie vergeheimnist worden ist, aber mir gilt dieses Wort nur als die Abwesenheit von Theorie, Gedanken und demzufolge auch Skrupeln oder Zweifeln. Stattdessen steht facere, facitus, Faschismus mir schlicht fürs Schlagen, Rock ´n Roll, so richtig einen losmachen, Bücher verbrennen, Menschen vergasen, dass Schweinesystem zerschlagen, kurzum: Nicht denken, sondern machen!

Oi Va Voi!

Der Mai macht mit Macht alles Neu und den Ersten Mai machten erst die Macher von der NSDAP zu einem wiederkehrenden gesetzlichen Feiertag. Die Faschisten wollten bekanntlich alles neu machen, kochten aber alten Brei und Vorurteile zu einem ungenießbaren wie tödlichen Cocktail. Eines aber beherrschten die, der Hinkefuß allen voran, perfekt: das Marketing! Die Show.

Immer wenn ich mich heutzutage von den modernen Medien unterhalten lasse, denke ich oft an Joseph Goebbels. Sehe ich aufstrebende, kaum erblühte Popstars in New York vor kreischenden und in Ohnmacht fallenden Teenies, denke ich nicht zuerst an John, Paul, George und Ringo, sondern an Joseph und Adolf und ihre Nummern: „Der Führer über Deutschland.“ und ihren Evergreen und das Passepartout für jedes Popkonzert: den „Reichsparteitag“. „Voll Porno!“, würden die, in diesem Mai zur Adolfeszenz erblühten Pennäler, vielleicht dazu sagen oder nix sagen und stattdessen mit einer Adolf-Figur die Abenteuer Carl Johnsons in dessen virtueller Grand Theft Welt durchleben wollen. Sei es als bewusster, zynischer Kommentar oder nur kichernder, sabbernder und schlichter Grenzdebilität; auf jeden Fall: voll Porno.

Voll Porno wie ein Maibaum eben. Diese Riesenphalli, die in Mutter Erde gerammt werden und unter dessen hölzerner Männlichkeit jungfräuliche Jungbauern sich plusternd tummeln und auf eine Maid hoffen, die sich – summ summ – bienengleich des Nektars wegen ihrer erbarmt. Wobei der Vergleich hinkt, denn Sperma ist weder Nektar noch Götterspeise oder taugte gar als Kinderaufzuchtsnahrungsmittel. Einerseits, aber andererseits fickt die Blume die Biene, stäubt ihr die Pollen überallhin und treibt es mit jeder, wirklich jeder voll Porno während die Biene an sich bienenfleißig ist und in einem ordentlich geführten Gemeinwesen lebt.

Blumen sind sesshaft. Blumen sind ganz unbeweglich, ja Blumen sind halt festgewachsen. Blumen, entscheiden nicht, wen sie verführen; Blumen richten ihre Stengel ganz einfach nur ins Licht, denn Blumen sind so kritik- und wahllos.

Blumen sind wie Couchkartoffeln – pflückst du sie, gehen sie bald drauf.

Ja, Blumen sind so – zerbrechlich.

Blumen werden nicht sehr alt und lassen bald die Köpfchen hängen, brauchen ganz viel Zucker im Tank denn Blumen sind unbeschreiblich männlich.

Blumen sind männlich? Die Rose ist ein Symbol für den Mann, sein Glied oder die hemmungslose Verstreuung seines Samens? Hmmm? Nein, eine Rose ist eine Rose, ist eine Rose. Es gibt keine Phallusrose, keine weiße, schwarze, rote oder gar blaue Rose. Eine Rose ist eine Rose, eine Blume ist eine Blume, eine Pflanze ist eine Pflanze. Flora und Fauna sind bekannt. Und kein Mai erschafft dergestalt Neues mehr, dass es sich gegenüber dem monokulturellem Einerlei behaupten oder wahrgenommen werden könnte. Agrobiodiversität? Vielfalt? Nein, eine blaue Blume ist eine blaue Blume und bleibt eine blaue Blume und blüht seit ehedem auf den Feldern der Frühromantiker, wird dort hektarweise gezüchtet und meilenweit ist kein Knick zu sehen. Ein Meer, aus schwankenden Stengeln gekrönt mit blauen Kronen, wird durchpflügt von Heerscharen von Blauenblumenstechern, die sich glückselig fühlen, weil sie sich eins in der Vielheit und in der Vielheit eins wähnen. Sehr schön.

Aber Vielfalt ist das nicht. Und neu? Neu, ist es auch nicht. Es ist einfältig. Agrobiodiversität? Fehlanzeige. Was Agrobiodiversität ist? Nun, auf unseren Feldern und allen Feldern dieser Welt herrscht großes Einerlei. Es liegt das gleiche Reiskorn auf A1 wie auf H8. Wenigstens die Schachbrettfelder wechseln sich in ihren Farben ab, denn ansonsten wird in dieser Welt nur gepflanzt, nur vermehrt was Gewinn bringt. Gerodet, getötet wird jeder andersartige Keim, der den Erfolg schmälern könnte. Saatgut Euthanasie und Saatgut Rassenlehre gehört seit jeher zum Standard. All überall werden nur noch Autobahnen gepflanzt, überall wird nur gefressen was Profit gebracht hat. Ach, lieber Mai, nun mache!

Oi Va Voi!


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