Juni – Halbzeit

Juni

Halbzeit. Die Sonne steht im Zenit. Die Tage werden wieder kürzer. Es beginnt die Zeit zurückzublicken. Bergfest. Bei denen, bei denen sich Zufriedenheit einstellt ob des Erreichten, wölbt sich ganz schnell auch ein Bäuchlein unter dem lässig gelabelten Wochenendshirt. Gut genährt und doppelt zugenäht.

Grillen ist in dieser Lebensphase eine Tätigkeit und keine Metapher mehr für die Flausen der Jugend. Wir grillen selbstverständlich gerne und jeder auf dem Niveau seines Erfolges. Der eine grillt mit Käfer Catering, Eventzelt und Cohibas, der andere mit Holzkohle, Pantinen und Bruzzler. Aber eine bei dreißig Grad im Schatten von Schweiß und Abgasen aus allen Löchern geschwängerten Luft nivelliert die Unterschiede und säugt uns alle mit dem selben Odem, Brodem oder Sprit.

Wenn wir dann am längsten Feierabend des Jahres mit dem letzten Sonnenzipfel uns den wirklich allerletzten in den Knien einschenken lassen und bei „So ein Tag, so wunderschön…“ oder „We are the Champions“ uns bereitwillig und gegenseitig in die Arme fallen, dann ist vielleicht auch die Nation Europa- oder Milchstraßenmeister geworden, aber letztlich sind wir nur besoffen. Besoffen von uns selbst. Ob Yacht oder Stehimbiss, ob Lehmann oder Selfmademan, jeder von uns ist doch nur ein Primat, der zu viel von den in der Sonne vergorenen Früchten des Affenbrotbaums verkostet hat. Derart berauscht vom Leben, der Sonne und dem Zufall in Dickundreichland geboren worden zu sein, ist es mir unmöglich, qualitative Unterschiede in der Stopf- und Mästung der Dickbäuche entdecken zu können.

Satt und fett waren wir schon in Korl Morx Stodt. Die dicken Kinder lebten und leben nicht nur in Landau, sondern auch immer schon in Schkopau. Nicht ein leerer Magen trieb kolonnenweise Trabantenfahrer durch die Innenstädte, nein, sondern nur Grillen über Gleichheit, Freiheit und Leben und Reichtum ohne Grenzen kurzum die Aussicht auf ein besseres, bunteres, geileres Leben. Grillen der Jugend. Heute blicken wir zurück und morgen feiern wir schon zwanzigjährige Wiederkehr der Wiedervereinigung. Grillen leben wohltemperiert gerademal ein Jahr, aber – so als seien sie Verwandte der Zikaden – kehren sie nicht alle dreizehn oder siebzehn Jahre wie die Zikade gleichen Namens sondern erst alle einundzwanzig Jahre ins Leben zurück und den Gesang dieser Grillen können wohl nur die hören, deren Geist nie Volljährigkeit erreicht und deren Leben, Werden, Wachsen immer weiter geht und über einen solchen Johannis sprach: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ Johannis hatte seinen Zenit erreicht, schaute zurück, begann zu grillen und begann sich zu erinnern.

Wir erinnern des Johannis noch heute mit Feuer, brennenden Rädern und Tanz um einen Flammenkranz. Ein Halbjahressilvesterspektakel gegen Dämonen, Krankheiten und Misswuchs, bevor wir ernten was wir gesät haben. Im Licht der alten Feuer, wenn ich es einfange, sehe ich keine Erinnerung sondern bange Hoffnung , sehe im Feuer einen Wechsel auf die Zukunft, eine quer und wild unterschriebene Bürgschaft.

Heute, wenn die Mahd wie letztes Jahr schon eingefahren, Dämonen im Kinderzimmer und Misswuchs nur in Formalin gelagert in medizinischen Museen zu bewundern ist, gibt es keine Angst vor der Zukunft und keine Zweifel, dass wir uns nicht betrinken sollten. Stattdessen haben wir Angst, keinen Grund mehr zu finden, warum wir uns besaufen sollten. Sommersonnenwende.

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