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August – Monat der Vor- und Wiedergänger

August 29, 2008

August

Spätsommer mit Vergangenheit und mit Folgen

Der August folgt auf den Juli sowie Augustus auf Caesar und jener Octavianus, der Achte, gibt dem Monat auch seinen Namen.

Am ersten August erklärte der deutsche Kaiser, Willhelm der Zweite, der Welt den Krieg. Nein, nicht er allein, vielmehr Verzweiflung derer, die ihren Anspruch auf Scholle, Pfründe und höherer Genetik in äußerster Gefahr sahen und im Krieg die ultima ratio, sorgten für den Fall.

Wilhelm Zwo, der letzte Kaiser der Hohenzollern, hatte viel von einem dummen August, der von anderen Mächten getrieben wurde. Er erinnert mich in dieser Situation von 1914 fatal an George W. Bush. Auch der musste reagieren, beziehungsweise schien und scheint er mir in keiner seiner Entscheidungen autark gewesen zu sein, sondern immer ein Spielball verdeckt bleibender Interessen. Aber George W. Bush, der amerikanische Caesar, der über den Rubicon der Freiheit nach Guantanamo gerudert wurde und vielleicht auf halbem Wege das Gespenst eines anderen Präsidenten, das den Delaware in entgegen gesetzter Richtung überquerte, gesehen haben mag, soll hier nicht das alleinige Thema sein, aber wenn ich mich mit Augustus beschäftige, komme ich an Julius, an dem was vorher passierte, nicht vorbei.

Der Zwanzigste Juli verstrich auch dieses Jahr wieder mit dem feierlichen Gelöbnis junger Rekruten. Diesmal diente das Bundesparlament auch Reichstag genannt statt dem Bendlerblock als Kulisse. Die jungen, uniformierten Bürger schworen mit Pathos, dass sie Soldaten des Parlamentes – und ich hoffe doch auch des Volkes – sein werden.

Die Verschwörung des zwanzigsten Julis dient als Schirmherr dieser Veranstaltung. Die Männer um Tresckow und Stauffenberg sind Paten der neuen Armee geworden und ihr Widerstand gegen Hitler galt und gilt der Bundesrepublik als moralische Wurzel und als sittliche Anweisung. Es gibt kein anderes Datum das auch nur annähernd diese Bedeutung im deutschen Widerstand gegen die Nazis hat, denn keine andere Gruppe hatte die Möglichkeiten nicht nur Hitler, sondern auch das Regime zu beseitigen oder wenigstens nachhaltig zu verändern. Eine Chance wie sie der Verräter Brutus und seine Mitverschwörer auch gehabt hatten und zur Hälfte nutzten.

Den Respekt folgender Generationen haben sich die Männer und Frauen um Stauffenberg verdient. Doch als ich jetzt wieder das Pathos sah mit dem die Rekruten vereidigt wurden und im Hintergrund den Reichstag, musste ich unwillkürlich daran denken, dass die damaligen Verschwörer mit dem Reichstag als Sitz des Parlamentes wohl wenig positives verbunden haben dürften. Attribute wie Quasselbude dürften die Herren Offiziere dem Gebäude verliehen haben.

Nein, für das Parlament, die Demokratie wollten sie bestimmt nicht sterben, viel mehr träumten sie vom Kaiser mit Bart. Ja, es war ein durch und durch Konservativer Widerstand der am 20. Juli 1944 versuchte das Schicksal noch zu wenden. Es war mit Sicherheit nicht leicht gewesen, Verschwörer zu werden und geschworene Eide zu brechen. Das konservative Ethos, dass Pflichterfüllung bejaht, revolutionäre Akte dagegen verbietet und die lange nicht in Zweifel gezogene Legitimität der Naziherrschaft und nicht zuletzt der auf Adolf Hitler geschworene Eid, wird den Verschwörern ihre Sache nicht leichter gemacht haben. Vielleicht liegt hier auch ein Grund für das Scheitern? Jedenfalls spiegelt sich hier eine konservative Schizophrenie, die schon im Vorlauf für den ersten Weltkrieg dem von Konservativen ach so vielgeliebten Vaterland statt Verheißung nur Verderben und Verruf brachte.

Die Zahlen der Wahlen von 1912 waren nicht nur ein Menetekel, nein, sie waren ein Fanal. Die Zahlen schoben die Monarchie an den Rand der Klippen der Zivilisation. Letztere sollte Thomas Mann bis aufs letzte Wort im Namen der organisch gewachsenen deutschen Kultur bekämpfen. Denn auch er konnte im französisch, egalitären Verständnis nur oberflächlichen Journalismus und Boulevard, statt faustisch-deutscher Durchdringung bis auf die Wurzeln erkennen. Zivilisation, Demokratie war ihm ein alles verschlingendes Großmaul der Beliebigkeit und Mehrheit – personifiziert in seinem liederlichen aber vor dem Kriege erfolgreicheren Bruder Heinrichs. Für Thomas Mann war der Krieg seines Kaisers, oder der Kräfte hinter seinem Kaiser, auch ein Krieg gegen den Terror: den Terror der Gleichmacherei.

Das ist nicht so altbacken wie es vielleicht klingt, denn wir schmähen nicht selten den amerikanischen Einfluss von Fastfood und Hollywood und fühlen uns als bedrängte Kulturnation. Doch unter „Wir“ finden sich selten die Meisten, sondern nicht wenige Wirrköpfe, sture Traditionalisten von links wie rechts und verbissen, um ihre Bedeutsamkeit kämpfende adlige Junker von einst oder elitäre Intellektuelle von heute. Aber angesichts eines Politshowspektakels mit abschließendem Feuerwerk und Küsschen für die Frau, die Kinder und – wäre er nur da gewesen – auch den Hund, wie wir es jetzt gerade im Stadion der Denver Broncos erlebt haben, könnte ich in Versuchung geraten, die amerikanische Kultur zu beckmessern. Aber da ich nicht unreflektiert ins Fahrwasser Mannscher Bekenntnisse eines Unpolitischen geraten oder mich ungewollt zum Anwalt derjenigen machen mag, die ihre Rituale für heilige Kühe und am Ende gar Gesellschaftsordnungen respektive Macht- und Verantwortungsverteilungen mit der Phrase des organisch Gewachsenen unter Artenschutz stellen wollen, geraten will, bekenne ich, dass ich die Respektlosigkeit und Kreativität, die Ungebundenheit, Intelligenz und Spontaneität vieler Amerikaner bewundere und mich gerne von ihnen beeinflussen lasse und bin. Yes we can, I take pride und I have a dream.

“Wir schaffen das”, „wir sind stolz“ und „wir haben einen Traum“, hätten die Verschwörer vom zwanzigsten Juli sicherlich sich auch zuraunen können, aber ich unterstelle, dass diese Formeln eher der Gruppe der Weißen Rose oder im Singular Georg Elser zugeordnet werden kann, als dem Offiziersklub, dessen Visionen sich ausschließlich aus Vergangenheit speiste, deren Untergang ihr letzter Kaiser schon am letzten, ersten August verkündete und besiegelt hatte. Gescheitert sind alle.

McCain, Obama und Putin sind zur Zeit potentielle Nachfolger ihrer Vorgänger, Gezeitenwechsler, Octaviane des Julis – und nur Putin genießt den Luxus, sich selbst, als sein eigener Stellvertreter, nachfolgen zu können.

August, dummer August, das ist der Erntemonat und der, der seine Felder in den Staaten oder im Kaukasus nicht bestellt hat, wird den Winter nicht erleben.