Inglorious Basterds

Pünktlich saß ich im Sessel, dass Licht ging aus und ich musste das erste mal grinsen: Ein klassischer Vorspann. Das ist eine, wie ich finde, schöne Sache, weil der Nachspann nicht mehr beachtet wird. Aber der Vorspann war nicht einheitlich, mal erinnerte er mich an Italo Western, mal mich an den Schriftzug vom Paten und dann wechselte er wieder und ich war überfordert wo ich die Schriftart hinpacken sollte – aber ich war glücklich.

Dann erblickt das Auge eine endlose Landschaft gespickt mit Feldern und eine Zeile erscheint, die sowohl an Leones Meisterwerke erinnert, aber eben auch das klassische Märchenmotiv ist: Once Upon a Time.

Wir können das jetzt drehen wie wir wollen: Italo Western oder (Grimms) Märchen. Beides zeichnet sich durch hohe Brutalität und dadurch – logischerweise – fragwürdige Moral aus.

Da, wird der Wolf aufgeschnitten und es werden ihm Steine in den Magen gelegt – das ist nicht nett. Oder sagen wir es anders: die Todesstrafe für die Bösen wird in den Märchen ganz selbstverständlich vollstreckt und manchmal auch mit finsterster Durchtriebenheit. Ja, in den Märchen ist eben klar, wer gut und wer böse ist, da macht das Meucheln Spaß.

Dort aber, im Italo Western, ist der Hurra-der-Jäger-ist-jetzt-da, der Cowboy mit dem knallweißen Hut im stark gebügelten Hemd, nicht Stilelement. Im Italo Western ist Henry – Blauauge – Fonda auf einmal nicht mehr der Edle, sondern der Bösewicht, der seinen Priem auf die Straße schnoddert und der häßliche, unbekannte Bronson ist sein Racheengel. Ist Bronson auch der Gute? Tja, die Kategorien Gut und Böse, schwarz und weiß, sind von Leone gestrichen worden – was aber nicht heißt, dass alles erlaubt ist.

Once Upon a Time – so stehts nun auch bei Tarantinons Basterds geschrieben und „Für Elise“ untermalt das wunderschöne, paradiesische, ja märchenhafte Ambiente. Aber mit, dem ganz leicht hinterhinkenden: In Nazi occupied France, dem einsetzenden Motorengeräusch und dem abbrechenden klassischen Klavier Thema hin zum klassischen Morricone Thema, ist die Verirrung perfekt.

Wie jetzt? Ein Märchen mit Nazis? Vermixt mit einem Sphagetti Western a la Leone? Will mich Tarantino verarschen? Nein, der will nur spielen – Verarschung inkusive.

Aber das Spiel geht auf. Mit einem Schlag ist es ein Western und ist es doch ein Märchen. Wer ist der beste, böse Wolf, den sich nur die Realtät hätte ausdenken können? Der Nazi. Aber wo bleibt dann der blauäugige Fonda? Wo ist der Teufel den Leone losgelassen hat, um die Muster zu brechen? Wo ist der böse Henry, der das Publikum damals geschockt hatte, weil er sonst immer der Gute war? Wo ist Henry Fonda?

Man muss dem Film – den Inglorious Basterds – nur ein, zwei Minuten geben und dann entdeckt man, dann ensteigt dem Wagen: Hans Landa.

Landa hat keine blauen Augen, er ist nicht hübsch, aber: er ist kultiviert, akzentuiert, sinister und als ob das noch nicht ausreicht: er spricht, wie der Teufel, in verschiedenen Zungen und statt Wein trinkte er weiße Milch.

Landa steckt zweifellos im Wolfskostüm und ist doch so überzeugend wie der aufrichtige Fonda, als er Elf andere Geschworene davon überzeugt, dass der Fall nicht so klar liegt, wie er scheint.

Wenn Sie gerade beim Lesen das Gefühl haben, dass ich Schauspieler und Rolle verwechsle, Fakt und Fiktion, dann schauen Sie sich diesen Bastard von Film an und entdecken Sie Winnetou. Wenn Sie Winnetou entdecken, verstehen Sie was ich meine und vielleicht eine Möglichkeit, warum die Auerbach – Kellerszene in der Winnetou versteckt ist, nicht rausgeschnitten wurde oder was ihr Pudels Kern sein könnte. Vergessen Sie dabei nie, dass Sie nur ein Märchen serviert bekommen, was nicht mehr sein will, als ein Märchen. Denn das Märchen, das Gerücht, das Gegenteil des Faktischen und der wissenschaftlichen Erforschung, ist ja auch viel bewegender, als trockene Fakten, Fakten, Fakten – womit wir wieder bei Kapitel Eins und Hans Landa sind.

Landa findet Fakten auch viel uninteressanter als Gerüchte.

– Mist, muss erstmal unterbrechen.

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Eine Antwort to “Inglorious Basterds”

  1. Arno Boldt Says:

    Wo ist der geistige Rest des Erzählers? Einer weiterführenden Offenbarung schaute ich verheißungsvoll entgegen..

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