Archive for Juni 2011

Comic und Filme

Juni 18, 2011

Comic Filme

I.

Seit ich lesen kann, lese ich Comics. Angefangen mit den Rolf Kauka Versionen von Spirou und Fantasio, die bei Kauka Pit und Pikkolo hießen und statt des Marsupilami hieß es Kukurukumiko, sowie Kaukas Eigengschöpfen wie Fix und Foxi, Lupo und Professor Knox. Deren aberwitzigste Geschichte mir mit dem OHO in Erinnerung ist. Natürlich auch die ersten fünfzig lustigen Taschenbücher von Walt Disney und die damaligen Donald Duck Sonderbände. Dann kamen Asterix und Obelix, bzw. schleppte mein Vater sechs, sieben oder acht von den Alben nach Hause. Wir lasen es gemeinsam, wir lernten es auswendig und wir werfen uns noch heute Stichwörter aus diesem Leseerlebnis an den Kopf.

Obwohl die Geschichten der Gallier sicherlich die erfolgreichste Comic Reihe ist und diejenige war, die in Deutschland am Stärksten für einen besseren Ruf der Comics gesorgt hat, so ist sie ausgerechnet die Reihe, dessen Verfilmungen – ich wette mal jeden Comic Enthusiasten – relativ kalt lasssen. Zumindest so lange kostümierte Schauspieler, Witze nacherzählen müssen, können sie nicht brillieren oder den Zauber wiedergeben, den ein Comic für mich birgt.
Die Faszination, die Asterix und Obelix verströmen, liegt zu neunzig Prozent im Text, nicht in den Bildern. Der Text, die Dialoge überstrahlen alles – das ist so bei Umpapah, Isnogud und Lucky Luke – wobei ich Morris, den Zeichner und Erfinder (?) von Lucky Luke, noch als den stärksten Widerpart zu Goscinny erachte. Anders gesagt: Wer etwas über Tempo und Timing lernen will, wer wissen will, wie Geschichten und Pointen funktionieren, der ist bei Goscinny herrvorragend aufgehoben, aber das ist unabhängig vom Medium dessen er sich bediente.

Wer wissen will, was Comic kann, sollte sich vom Dramaturgen, Hauptdarsteller und Regisseur Goscinny lösen. Wenn es Comics gibt, die nicht annähernd in der Qualität wie das Original in ein anderes Medium transponiert werden können, dann die Funnys von Goscinny. Versuchen Sie mal einen Film z. B. der Marx Brothers äquivalent aufs Papier zu bringen?

Die Exkursion über Goscinny musste sein. Denn Asterix und Obelix haben in Deutschland einen sakrosankten Ruf für Comics erreicht, wie ihn z. B. Loriot für Humor hat. Das ist – in diesem Fall – leider hinderlich, weil mühsam erklärt werden muss, warum eine tiefere Beschäftigung mit A&O für das Thema Comic (und Film) nicht ergiebig sind.

Vielversprechender für die Beschäftigung mit Comic und Film, sind schon die Abenteuer von Tim & Struppi, deren Kino Debut kurz bevor steht. Diese Alben bergen mehr Stoff- und Spielmaterial für einen Film, als jede Asterix und Obelix Geschichte, auch wenn sie wie diese im klassischen Stil gehalten sind.
Mit klassisch meine ich im Sinne der belgischen Schule. Stilführend für diese Reihen sind die Arbeiten von Herge, Franquin, Peyo, Fournier und E. P. Jacobs:

[Quote] Kennzeichnende Merkmale sind präzise Konturen und die flächige einfarbige Kolorierung. Die Zeichner verzichten weitgehend auf Schraffuren, Schattierungen und Farbverläufe. In den Comics der Ligne Claire werden Personen gern in vereinfacht-abstrahierter Form dargestellt, während Dekor und Hintergrund meist in realistischer Manier abgebildet werden.[/quote] Siehe Wikipedia zu Ligne Claire

Der Effekt dieser Technik ist durchaus vergleichbar mit der High Definition Technik. von heute. Die Abenteuer von Tim und Struppi waren nichts anderes, als James Bond Abenteuer aber schon damals in HD Qualität.

Aber den Alben dieser Reihen ist die Abstammung vom Comicstrip noch all zu deutlich anzusehen. Jede ihrer Comic-Seiten wird in klar voneinander abgegrenzten, rechteckigen Koordinaten aufgeteilt und Bild und Sprechblasen sind mühelos gemäß des europäischen Leseflusses von links oben nach rechts unten angeordnet. Experimentell für diese Schule ist da schon die Eingangssequenz des Asterix und Obelix Abenteuers: Die große Übefahrt. Dessen Anfangsseite, bzw. die Bilder in den Koordianten auf der ersten Seite sind weiß. Das war Uderzos und Goscinnys größter Wagemut nach dreiundzwanzig Alben, neue Comic- Welten zu entdecken, bzw. den Leser aufzufordern seinen Horizont zu erweitern – und es verwundert bei Goscinny nicht, dass er bei dem Titel und dem Inhalt bereit war – für ihre Verhältnisse – Wagnisse einzugehen. Anders formuliert: die von mir erwähnten franko-belgischen Reihen plazierten die Kamera ähnlich wie die Filmpioniere des ganz fühen zwanzigsten Jahrhunderts mittig-mittig in den Zuschauerraum und tuschten und tuschen noch immer aus dieser Perspektive brav ihre Daumenkino-Bilderstrips mit immer besserer Technik.

Der große Filmpionier Re- und Evolutionär W. C. Griffith* versuchte nach relativ kurzer Zeit mehr mit den Mitteln seines Mediums, als die eben genannten Comic Zeichner es nach Jahrzehnten tun. Griffith revolutionierte den Schnitt und die Kameratechnik, führte neue Elemente ein, während die Genannten den vorgegebenen Stil im Medium Comic perfektionierten und noch heute perfektionieren und erst jüngst – so als spräche es all dem was ich gerade labere Hohn – einer die charmanteste und genialste Fortführung dieser Schule ablieferte und gleichzeitig deutlich machte wieviel Potential sie hat. Dazu aber später mehr.

Nicht, dass es in Frankreich, Belgien oder in Europa nichts anderes als Geschichten a la den Schlümpfen gegeben hätte, aber bevor ich Enki Bilal oder Moebius entdeckte, eröffneten mir die Amerikaner, Eisner, Spiegelman und Crumb neue Welten. Keine Knollennasenmännchen. Keine Welten wie sie moderne Blockbuster des modernen Kinos gerne abbilden, sondern häßliche, reale Schwarzweißwelten. Während Crumb u. a. klassisch-knuffige Knollennasen und Figuren aus dem klassischen Comicuniversum in die Welt realer Anarchisten, Terroristen, Gottsuchern, Sexfanatikern oder Exploranten des Enddarms überführte, also die Realtät im doppelten Sinne überführte, nutzte Eisner den Comic nicht um zu vereinfachen, oder mit vereinfachten Figuren eine Geschichte zu erzählen, sondern erzählte im Stile eines penibel ausgearbeiteten Film-Storyboards Geschichten wie sie später ein Paul Auster z.B. in Moon Over Manhatten oder New York Stories erzählt.
Spiegelmans „Maus“ nutzt hingegen konsequent und sicherlich bei dem Thema Holocaust nicht gerade naheliegend – sogar widersprechend – die vereinfachenden, abstrahierenden Möglichkeiten des Comics. Spätestens am Ende des Comics** „Maus“ gibt es aber keine Mäuse mehr. Am Ende sind die Figuren und ihre Geschichten dem Korsett ihrer Stereotype entwachsen. Sie sind Individuen, keine Karikaturen oder Sammelbegriffe. Maus? Ja! Aber nicht Maus.

Dennoch sind auch die letztgenannten Autoren im Käsekästchen eines Comicstrips verfangen – da helfen auch die Ausgaben der Sketchbooks von Crumb nicht.

Aber mit diesen drei Comic Autoren, die gerne auf Colorierungen verzichten, wollte ich verdeutlichen, wie unterschiedlich die Möglichkeiten des Comics genutzt wurden, bzw. und besser: wie ich diese Möglichkeiten erfahren, rezipiert habe.

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