Archive for August 2011

Wir sind Kirk!

August 7, 2011

Nachhaltige TV Erlebnisse

 

Weil gerade das Raumschiff Orion mal wieder über den Schirm flimmert und seinen nostalgischen Start im Kopfschmerztablettenwasserglas absolviert, fühle ich mich berufen nachzulegen. Schlimmer kann’s ja gar nicht werden, oder? Nachhaltiges TV Erlebnis war das Raumschiff Orion zwar auch, aber doch eher ein unreflektiertes und so unscharf und schwarz-weiß wie meine Erinnerungen daran. Nachhaltiger, weil ungleich stärker konsumiert, ist das Raumschiff Enterprise für mich gewesen.

 

Die Sucht oder mein seinerzeitiger Wahnsinn gipfelte darin, dass ich zur Premiere der Voyager Staffeln eine Einladung annahm, die so aussah, dass man sich in einem Berliner Kino den Pilotfilm der USS Voyager reinzog mit einer Präsentation durch Leutnant Uhura.

Im Anschluss an den Pilotfilm wurden dann alle bis dato gedrehten Enterprise Kinofilme nacheinander gezeigt. Damals endend mit dem ersten der Picard Crew (Treffen der Generationen.) Start Freitag 20.00 Uhr, Ende Samstag 10.00 Uhr. Ich habe durchgehalten. Bekloppt? Unbedingt. Wie ich aber schon damals wusste, bei weitem nicht so bekloppt wie Hardcore Trekkies werden können. Lichtjahre davon entfernt. Aber was macht(e) den Reiz der Enterprise für mich aus?

 

Ohne Anspruch auf filmwissenschaftliche oder soziologische Angemessenheit, bzw. mir überhaupt die Mühe machend, zu kontrollieren wie schlau oder dumm meine Sicht auf die Enterprise ist, weiß ich, dass ich damals schon einen AHA Effekt bei der Kirk Staffel erlebt hatte, welcher mir erklärte warum mich die Staffeln um Kirk – und im übertragenen Sinne auch die Staffel um Captain Picard – was denn sonst als? – faszinieren mussten!

 

Worum geht es in Star Trek? Es sind die ganz und gar irdischen Frage nach dem Menschen. Was will er? Woher kommt er? Wie wird oder wurde er zu dem, was er ist? Beschäftigte schon Fred Feuerstein und Sience Fiction ist das nicht. Das ist Lebensgefühl von allen. Wenn man es aber technisiert, ist es das Lebensgefühl von kleinen Jungs und großen Kerlen, die Pipi in die Augen bekommen, wenn sie einen Stromkreis – brzzzt – korrekt geschlossen haben und ein Wolframfaden zu leuchten beginnt. Ja, schon scheiße, wenn Mann nicht schwanger werden kann und Übersprungshandlungen dafür erfinden muss.

 

Ernsthaft: Das Sience Fiction Setting der Serie machte Star Trek, zumal im Kirkschen Zeitalter, zu einem m. E. stark männlich geprägten Abenteuer oder aus männlicher Sicht erzählten Abenteuers. Einem Abenteuer mit einem männlichen Blick auf die Welt. Der Clou ist: Es ist tatsächlich nur ein Blick auf die Welt, respektive des Universums. Es ist Kirks Blick. Es ist Kirks Reise durch das Universum und das eigentliche Universum, die wirklich unentdeckten Weiten des Universums, sind alle in Kirk selbst.

 

Kirk ist der kleine Junge, der große Abenteuerer und vor allem auch – klar: männlich – eine verdammte Großfresse, ein Lautsprecher und Poser. Aber in jeder Folge vollzieht Kirk eine Entwicklung, vom Uga-Uga-Uga-ich-bin-hier-der-chef Primaten zu einem zivilisierten Helden männlichen Schlages. Wie das?

 

Das Raumschiff, in dem sich dieser Gernegroß Kirk bewegt, ist, eigentlich sein Körper. Kirk, warum auch immer, glaubt in diesem Körper, das Kommando zu haben. Dabei unterstützen ihn seine zwei Augen: Chekov und Zulu, sein Gehör: Leutnant Uhura, sein Gewissen: Pille alias Dr. McCoy und vor allem sein Verstand: Mr. Spock. Und wer ist Scotty? Scotty, ist der Mann, der einen Überlichtantrieb, den berühmten Warpantrieb, mit einem Schraubenschlüssel, büschen Öl und einem zölligen Schieber wieder in Gang bekommt, ist Herz, Leber, Niere kurz: das gesamte vegetative System Kirks.

 

Dieses Ein-Mann-Schiff cruist durch das Universum und anhand der Rollenverteilungen erkennt man: Es ist sehr testosteronlastig. Nur Uhura, die Kommunikationschefin (sic) ist weiblich. Sie hört die Schwingungen, fühlt Dinge, die sich auf keinem Schirm der Enterprise visualisieren lassen. Das ist bei der Picard-Crew in der Figur der Mentalistin Deanna Troi noch – meinethalben – chauvinistischer gezeichnet worden. Kurzum: Das Weibliche steht auch schon in der Kirk Phase für das, was zwischen den Zeilen steht, um nicht zu sagen für das Übersinnliche. Es ist das, was kein Mann, selbst mit tausend Warps, je erreichen wird: eine Frau zu sein.

 

Ein Zweites, was ein Mensch, seien es Kirk, Jane oder Luc, nie werden erreichen können, ist der Zustand der reinen Vernunft. So ist es nicht verwunderlich, dass Spock nicht irdischen Ursprungs ist. Er ist Vulkanier. Er ist Ausländer, Gastarbeiter, um nicht zu sagen Halbmensch im Sinne von Halbjude und sein analytischer, mathematischer Intellekt ist dem der Menschen weit überlegen.

 

Ein Mann kann also keine Frau werden, und kein Mensch ist so schlau wie der Ausländer Mr. Spock? Kein Mann. Im Sinne Kirks, würde bestreiten, dass er verloren wäre, wenn es keine Frauen gäbe und jeder Mensch, unbestritten, bliebe Primat, wenn er keinen Verstand besäße. Was folgt daraus? Z. B.: Der Klu-klux-clan kann Star Trek nicht mögen.

Die einzige Frau in Kirks Universum, welches in den sechziger Jahren geschöpft wurde, ist dunkelhäutig und der Verstand, der Kirk begleitet ist nicht irdischen Ursprungs. Mehr noch: der Verstand, der Kirk begleitet hat alle negativen Attribute, die man sich vorstellen kann. Ursprungsland des Spockschen Verstandes? Vulkanien! Eruptiv, emotional, unberechenbar. Spocks Stand? Mr. Nicht Dr. Wer ist der Dr.? Pille! Der gefühlsduselige Trinker. Woran erinnert uns das? An Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Aber bei Star Trek ist der Mr. der Dr. und nicht umgekehrt. Bedenken Sie das für eine Minute, versetzen Sie sich in ein westliches Land der sechziger Jahre: der Ausländer in der Crew ist schlauer als Du und das, was jedem Mann fehlt, was jeder Mann begehrt, ist: weiblich und schwarz! Das ist subversiv. Aber es wird noch subversiver.

 

Mr. Spock und Dr. McCoy, Hyde und Jekyll, sind zwar die größten Antagonisten im kirkschen Universum, spielen sie doch Vernunft und Gefühl, Geist und Gewissen, aber Dr. McCoy, und deshalb ist er auch der Doc im Sinne des Feelgood-Doc und Spock der unpersönliche Mr., und deshalb ist der impulsive Dr. auch nicht von Vulkanien, obwohl er es sein müsste, sondern er ist die Pille! Das Helferlein im kalten, großen Universum des Lebens. Die Pille hilft. Pille ist gut und deshalb eine Pille, die zwar intellektuell Spock unterlegen, die impulsiv und den Lastern nicht abgeneigt, aber Balsam für die kirksche Seele ist.

 

Aber wer ist der Böse? Wer ist Mr. Hyde, wenn es McCoy nicht ist? Die Klingonen? Die kommunistische Bedrohung des kirkschen Weltalls? Ja, die sind schlecht für Kirk. Die sind schlecht, weil sie wie die Borgs im Picards Universum den Individualismus unterlaufen, weil sie per se Individualismus nicht kennen. Aber sie sind nicht böse. Sie sind anders. Sie sind, wie sie sind und da sind wir bei der obersten Direktive des Star Trek Universums.

 

Das eigentliche Böse ist gut verborgen, hidden: Mr. Hyde sind aber nicht die Direktiven, schon gar nicht die oberste Direktive, welche ein verbindliches Nichteinmischungsprinzip in die internen Angelegenheiten anderer „Zivilisationen“ enthält (zit. nach Wiki Artikel Star Trek). Die Bösen sind die, die die Direktiven verwalten, die anonymen Verwalter und Strategen der Sternenflotte, die, die Kirk (alle kleinen Jungs und großen Kerle) instrumentalisieren wollen. Es sind nicht die Klingonen. Es ist der Staat.

 

Was ist daran subversiv? Nun, in die Menschwerdung Kirks, in seine internen Angelegenheiten, seine Diskussionen mit Pille, Spock und Uhura, hat sich niemand einzumischen, seine Eltern, seine Familie, sein Staat haben außen vorzubleiben.

In der nächsten Folge geht es um Hybris, Picard, Data, Quanten und Pinocchio.

PS: Bitte bewerten Sie als literarische Ratingagentur diesen Text single, double oder triple A, B; C. Dankeschön.