Archive for Juni 2014

Xenia

Juni 23, 2014

Was mir den Tag versüßt hat? Wohl eher: Was hat mir die Woche versüßt. Meine Nichte.

Nun denkt ein Naseweis womöglich gleich das Schlimmste, aber – auch wenn ich nichts zu seiner, des Naseweisen Beruhigung beitragen kann – so handelt es sich hier um einen vollkommen unschuldigen Fall und das Mädel wäre auch zur Not mit Pfeil und Bogen gewappnet gewesen, um sich zu verteidigen. Nein, in meinen Alltag zwischen 0 und 1, zwischen Aufstehen, Flasche Bier, Falsche Neun und zu Bett gehen, hatte sich vor einigen Wochen meine Nichte, genauer gesagt der Wunsch meiner Großnichte einen Schülerpraktikumsplatz in meiner Firma zu bekommen, hineingedrängt.

Die Woche ist nunmehr um. Eine Woche lang haben wir Familie gespielt. Gemeinsam gekocht, in der Küche gegessen, etwas unternommen, den Tag beredet und am Freitagnachmittag, am Ende ihres letzten Arbeitstages, konnte ich ihr ihren großen Wunsch erfüllen: zweieinhalb Stunden lang 3D Tiere mit Kehlschüssen zu erlegen. Dafür hatte sie extra ihren Reiterbogen mit dabei gehabt. Ja, ich habe viel gelernt über Reiterbögen und Bogenschießen in der letzten Woche. Auch über die Familie der Bogenschützen. Alle Bogenschützen seien eine Familie lehrte mich in der letzten Woche meine Nichte und würden sich duzen. Innerlich habe ich nur „Ach, Du Scheiße“ gedacht, aber gelächelt.

Auf meinen zahlreichen Fahrten durch den Weststeil Berlins, sei es auf den Gleisen der U-Bahn von Ruhleben zum Olympiastadion zur alten Tante Hertha, sei es mit dem Karren zu den Havelstudios via der Havelchaussee, hatte ich bemerkt, dass abseits der Straße beziehungsweise abseits der Gleise und Bestimmungsorten der Navigationsgeräte, Tierattrappen und Bogenschussziele zu sehen sind. Bemerkt hatte ich diese aber erst, seit dem ich vor ein, zwei Jahren mitbekommen hatte, dass meine Großnichte mit dem Bogenschießen angefangen hatte. Jahrzehntelang hatte ich die ums Verrecken nicht wahrgenommen.

Zu ihrer Jugendweihe in einem Kinderheim – irgendwo zwischen Jens Weißflog und Rennsteig – hatte ich neben dem Geldritual anscheinend auch in ritualisierten Gesprächen fallengelassen, dass sie uns gerne besuchen und auch Pfeil und Bogen mitnehmen könne, weil es in Berlin sehr, sehr geile Schießanlagen gäbe. Die hätte ich selbst in Augenschein genommen. Daran muss sie sich erinnert haben, als sie einen Praktikumsplatz gebraucht hat.

Weil Bogenschützen eine Familie sind, ich gesagt hatte, dass man in Berlin super Bogenschießen könne und auf der Homepage des Vereins steht, dass „die Außenanlage ganzjährig 7 Tage die Woche zu jeder Zeit nutzbar“ sei, sind wir auch am Mittag des vorletzten Sonntags gleich losgedüst, zwischen irritierten Tennisspielern und Tenniseltern am Trainingsgelände durchgelatscht und mitten in ein Turnier der Bogenschussfamilie gelandet. OK. War Scheiße. Viele graue Jäger und Jägerinnen. Tolle Bögen. Spitze Pfeile. Keine Kinder. OK. War Turnier.

Die Jäger und Jägerinnen waren gerade zu Tisch, verspeisten womöglich ihre bis dahin geschossenen Styroportiere in Currysauce und meine Nichte durfte während dieser Pause sogar viermal ihren Köcher auf die 3D Figuren leerschießen und bekam obendrein noch Tipps a la mehr durchziehen oder mehr aus der Schulter.

Ich, ich muss reinen Herzens bekennen, dass ich das voll nett fand und die ganze Zeit nur Yeah! dachte. Yeah! Tolle Familie. Bester Onkel von der Welt. Du kommst irgendwohin, platzt denen mitten ins 3D Essen und darfst sogar kurz mitmachen. Hallo? Kein Gedanke irgendwo zwischen Spandau und Hellersdorf an der Tür zu klingeln und zu fragen, ob man mitessen dürfen, weil man extra aus Thüringen Messer, Gabel und Löffel mitgebracht habe? Ach kommt, das ist albern. Das ist auf die Fresse. Aber meine Nichte? War enttäuscht. Bester Onkel von der Welt? Ja, fick mich doch. Wobei ich natürlich nur Lob aus ihrem Munde gehört habe, beziehungsweise Zuckerlis bekam a la „Du kannst doch nichts dafür“ vulgo „Wir haben es eben versucht.“ Toll? Ganz toll.

Ab Montag war sie dann in meiner Familie, in meinem Job zwischen 0 und 1. Keine Ahnung was ich ihr beigebracht habe. Ihr Notebook ist jedenfalls wieder ganz und ich habe sie zu etlichen Terminen mitgenommen und dabei eine ganze Menge von ihr über Fanfiction erfahren. Das ist ihr 2D Ding. Fanfiction. In echt der 3D Kehlschuss und in virtuell: Fanfiction. Vampirgeschichten a la Biss in der Mitternacht.
Meine Ideen zur Ausschmückung der Geschichten kamen nicht gut an. Außer der einen Idee, über die Geschichte des schizophrenen Vampirs, dessen Ego einmal in das ich eines Reinblüters und einmal in das ich eines Hunters gespalten sei. Fragt nicht nach was Reinblüter oder Hunter sind, ich hab’s wieder vergessen, aber eigentlich dachte ich bei der Idee nur an eine Katze, die ihren eigenen Schwanz jagt, aber es sind, so viel kann ich sagen: vordefinierte Rollen. Comedia del arte oder in 3D: Mittelalter. Keine Fanfiction Figur kann aus seiner Haut und trotzdem schrieb und schreibt meine Nichte denen Geschichte um Geschichte auf den Leib. Kunstwerk oder Desaster? Befriedigung wenn’s gut geht. Das Belohnungssystem läuft so ähnlich wie bei kV und ging zwischen uns soweit, dass ich mich zu unpassenden Schwanzvergleichen hinreißen ließ wer mehr Worte in eine Geschichte hineingepackt vulgo den längeren Atmen hat. So bescheuert wie die entsprechenden Top-Ten auf kV, die ich alle durchgearbeitet habe.
Ich muss gestehen, dass ich ihr zwar nicht ihre Ergebnisse in Fanfiction neidete, aber ihre Leidenschaft für das Schreiben. Ich neidete ihr das Erlebnis und war erst dann wieder mit mir versüßt, als es mir doch noch gelang, einen Platz zu finden an dem sie ungestört, zweieinhalb Stunden lang mit unentgeltlicher Betreuung und kostenlosem Personal Trainer ihre Pfeile zu verschießen, während ich sogar noch Gelegenheit hatte Gladiatorenkämpfern beim Training zuzuschauen.

Noch mehr versüßte es mir aber diesen Freitagnachmittag, dass es – obzwar lange vor Feierabend – mir scheißegal war, wer mich jetzt anrief und wer eine Störung in seinen elektronischen Datenströmen hatte. Ich konnte eben nicht. Der Moment den ich kostete war viel zu süß. Wieder profitierte ich davon, dass mich meine Nichte besucht und um ein Praktikum gebeten hatte.

Was sie aus dieser Woche von mir mitgenommen hat? Keine Ahnung. Wird schon was sein. Aber nach dem wir, meine Frau und ich, sie am ZOB abgegeben und in den Fernbus gesetzt haben, haben wir uns angeschaut, geküsst und uns – wie die Bergtrolle beim Anblick der Sonne – wieder in unseren versteinerten Alltag verabschiedet.

Das ist versüßt.

 

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Ich, Wir und der Rest vom All (2)

Juni 7, 2014

Der Range. Der hat ja jetzt doch die Ermittlungen aufgenommen. Hat sich ja zunächst geziert. Ist wahrscheinlich auch bedingt dadurch, dass sein oberster Dienstherr ein Parteifunktionär ist, der gerade auch den Innenminister spielt. Erst konnte der Harald ja gar keine Ermittlungen aufnehmen, weil er weder Zeugen noch Beweise erkennen könnte, die die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens rechtfertigen würden. Das ist schon toll, dass der Range vor dem Ermittlungsverfahren schon zu wissen glaubte, was das Ergebnis sein würde. Noch toller, wenn man sich die Dimension des Falles und die nicht vorhandenen Dementis anschaut. Der Ansatz von Range alles lieber sein lassen zu wollen, nicht in einer solch hässlichen, tödlichen Wunde für jeden Rechtsstaat, zu rühren, ist menschlich total nachvollziehbar, denn wie im ersten Teil von „Ich, Wir und der Rest vom All“ dargelegt, als ich das moderne „Wir“ als egoistisches diekmannsche Bild-Ich identifizierte, kann ich Range verstehen, dass er sein ich nicht für das Wohl eines solch degenerierten „Wir“ aufs Spiel setzt.

Stattdessen und das passt nun wirklich wie Arsch auf Eimer, lässt er die vermutlich illegale Totalüberwachung von allen anderen links liegen, bzw. belässt diesen Verdacht im Status: wir beobachten das und stürzt sich stattdessen auf den Fall Angela. Geil. Das Wir Prinzip der Bildzeitung – Urahn ist wohl Kaiser Wilhelms Spruch der wohl heuten so lauten würde: Wir sind Deutsch – das Wir Prinzip der Bildzeitung findet nun den Weg in den deutschen Rechtsstaat. Wir greifen uns unsere Führerin, das oberste ich unseres Wir, heraus und schauen mal, ob diesem Ich Unrecht widerfahren ist. Wenn dem dann nicht so ist, ist für uns alle dann wieder alles tutti? Es ist eh ein Schmarrn, dass die NSA die Ausspähung unseres – „Wir sind Angela“ – Handy nunmehr unterlässt, wenn es alle anderen weiter überwacht.

Ein Handy ist ein Kommunikationsgerät. Wenn ich das Gespräch, die Mail, die SMS auf der andere Seite mithöre, mitlese, mitschneide reicht das vollkommen aus, um auch unser Angela ihr Handy weiterhin total zu überwachen. Aber das ist gut für die NSA und für Harald. Wenn Harald jetzt herausbekommen sollte, auch Dank Zeugenaussagen und Beweisen, die nicht von Snowden kommen, dass die NSA – Sowas! – die Angela abgehört hat, dann wird, die das einstellen müssen. OK. Hat sie schon. Aber der Range müsste nach dieser Logik nun jeden weiteren Telefonanschluss, Handy, Mailkonto prüfen bzw. prüfen ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Das ist so irr- wie unsinnig wie ein Ermittlungsverfahren nur wegen eines Handys einzuleiten. Wird nicht passieren und die Tatsache, dass wir alle abgehorcht werden bleibt unter Beobachtung. Wenn das Ermittlungsverfahren ob Angela abgehorcht wurde oder nicht, zum Schluss kommen sollte, dass sie es nicht wurde – umso besser! Mein Favorit für Ranges Exit Strategie ist aber: Nichts kann bewiesen werden. Es ist wie es ist und bleibt unter Beobachtung. Genau!

Ich, Wir und der Rest vom All

Juni 1, 2014

 

Seit Harald Range den Büttel aus Mangel an Beweisen hingeworfen hat, geht mir jetzt immer diese Strophe von Udo Jürgens durch den Brausekopf:

„Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals in Hawaii
ging nie durch San Francisco in zerriss ‘nen Jeans.
Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei,
einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh ‘n.

Und als er draußen auf der Straße stand,
da fiel ihm ein, dass er fast alles bei sich trug,
den Pass, die Eurocard und etwas Geld,
vielleicht ging heute Abend noch ein Flug.“

Seit Harald Range sich außer Stande sieht, Anklage zu erheben, ist mir auch bewusster geworden, dass ich Jeans, Eurocard, Pass und ein paar Euronen besitze und wie Udos lyrische Du mich in den nächstbesten Flieger nach wohin-du-willst setzen könnte.

Geht. Fliegt. Weg. Gar kein Problem.

Aber ist das Freiheit?

Da denke ich an den Protestanten aus dem Monty Python Sketch, der seiner Frau erklärt, dass er jederzeit zur Apotheke gehen könnte und Kondome – auch mit Noppen – sich besorgen könnte. Aus irgendeinem Grund macht er es aber nicht. Na, nicht aus irgendeinem Grund, sondern weil er bei seiner Frau eh nicht mehr rattenscharf wird oder den Drang verspürt, sich die Kleider vom Leibe zu reißen und sich einen Gummi um den Knüppel zu stülpen*. Das bloße, nackte Schwadronieren über die Möglichkeiten der Freiheit muss diesem Protestanten oder Freiheitsexhibitionisten als Ersatzhandlung reichen.

Ersatzhandlung? Wofür?
Um sich zu vergewissern, dass man es jederzeit tun könnte, wenn man will.

Da sind wir wieder bei Udo Jürgens oder seiner Quintessenz:

Jeans? Pass? Geld? Kein Problem! Du kommst überall hin.

Ist das Freiheit?

Wenn ich Sachsen zu Australien, Thüringen zu Asien, Sachsenanhalt zu Europa, Mecklenburg zu Afrika, Brandenburg zu Südameríka und Berlin zu New York (Nordamerika) erkläre? Dann ist die DDR auf Weltniveau und Du brauchst noch nicht mal einen Pass und es reichen sogar Alu-Dollar um einmal um die Welt zu kommen.

Reisefreiheit? Reisefreiheit ist wichtig, aber nur ein untergeordneter Aspekt der Freiheit. Freiheit meint – sehr im liberalen Sinne, sehr im Sinne eines Sir Ralf Dahrendorfs – ohne Repressalien, ohne Mobbing, ohne Nachteile, ohne Überdröhnung und ad hominem Angriffe von überindividualisierten Organisationen wie Kirchen, Gewerkschaften, Parteien, Lobbyorganisationen, freiwilligen (?) Feuerwehrverbänden oder gemeinnützigen Vereinen befürchten zu müssen, frank und frei seine Meinung sagen zu können! Ohne am nächsten Tag, wie in der kleinsten Klitsche von Dorf, hinten rum angewixt und weggemobbt zu werden; ohne befürchten zu müssen, dass die engste Familie, die eigenen Kinder für eine nicht auf Konformität und vorher abgesprochene bzw. geprüfte Meinung Repressalien erleiden müssen. Kurz und knapp:

Wie weit her ist es mit dem Spruch: „Ich bin zwar nicht ihrer Meinung, aber ich werde mein Leben dafür geben, dass sie ihre Meinung vertreten dürfen.“

Wenn ich, mir die Kommentare zum letzten Formel 1 Rennen in Monaco durchlese – was für ein Break!- , komme ich zum Schluss, dass in der extrem individualisierten, extrem zum Egoismus neigenden Fahrerkaste niemand bereit ist, seinen Anstand, sein Ehrgefühl, seine charakterliche Integrität, geschweige denn sein Leben zu opfern, um dem Mitspieler die gleichen Chancen einzuräumen, die man selbst – dank allgemein geltender Regeln – erhalten hat.

In der Formel 1, der höchsten Klasse des Automobilsports, kommt meines Erachtens keiner auf die Idee, im Zweifel sein Leben zu geben, damit sein Kontrahent dieselbe Chance bekommt, um seine schnellste, beste, freiste Meinung zu äußern bzw. Runde zu drehen. Im Gegenteil.

Ein solches Ansinnen wird definitiv als falsch bewertet. Die Kommentare zum letzten Qualifying in Monaco (pars pro toto) lassen nur einen Schluss zu: Die Behinderung, die Zensur des Kontrahenten ist positiv zu bewerten, weil es den eigenen Erfolg wenn nicht erst ermöglicht so doch wenigstens zementiert hat.

Was aber hat Nico Rosbergs Ausbremser auf der Pirateninsel Monaco mit Sir Ralf Dahrendorfs Verteidigung des Individuums vor überindividuellen Organisationen zu tun? Eine ganze Menge. Zwar ist der Erfolg Rosbergs in der Formel 1 zuallererst sein individueller Erfolg und Rosberg muss auch über die Steuern hinaus keinen Cent mit mir oder uns teilen, aber Rosberg – sowie alle anderen Fahrer der Formel 1 auch – ist zu einer Projektionsfläche für überindividualisierte Interessen geworden. Das meint: Rosberg ist z. B. für RTL oder für bild.de Projektionsfläche nationalistischer Sehnsüchte geworden. Nationalistische Sehnsüchte hat Kai Diekmann kongenial zu: Wir sind XY geworden, verdichten lassen, wobei XY ausschließlich positiv bzw. überwiegend positiv besetzt ist. Im Falle Rosberg würde es lauten: Wir sind Weltmeister!

Wenn wir aber wirklich Papst, Export- oder Formel 1-Weltmeister sind, wenn wir uns die Erfolge eines Einzelnen, eines Irgendjemanden überstülpen und in seinem Erfolg sonnen können, dann machen wir uns aber auch mit seinen Methoden gemein, mit denen ein einzelner, egoistischer Karrierist und Egomane diesen Erfolg erlangt hat. Kurzum: Wir? Wir?? Ein solches „Wir“ besteht nur aus widerlichen Egoisten.

Will ich oder wollen Sie etwa Papst oder sich gemein machen mit Jemandem, der sich selbst zum Papst, zum Stellvertreter Gottes auf Erden gewählt hat? Verbrüdern möchte ich mich nicht mit jemandem, der sich solches anmaßt. Aber selbst Weltmeister im Kreisfahren möchte ich nicht sein, schon gar nicht in der diekmannschen Egoisten-Wir-Form der Bildzeitung:

Wenn ich via medialer Proklamation a la „Wir sind!“ Weltmeister werden kann, weil ich mich damit identifiziere, dass ein in meinem Namen vorgeschobenes Charakterschwein seine Kontrahenten nicht illegal aber auch nicht fair, sondern mies behindern musste, um sich und mich zu krönen, ist das nicht Ausdruck von „Cleverness“, Kai Diekmann, sondern die widerliche Krönung von Scheißdreck, die sich nur charakterlose Mistkerle ausdenken können.

Zumal die Skalierung der Leistung eines Einzelnen zu einem Wir nur supranational bzw. weltweit funktionieren kann und eine Einengung des „Wir“ auf nationale Grenzen nicht nur grenzwertig sondern zutiefst engstirnig, Entschuldigung: belämmert bzw. doof, dumm und schweineblöd ist, dass es einem die Zehennägel nach oben biegt.

„Wir sind Papst!“ titelten die charakterlosen Schweinepriester von der Bild, wohlwissend, dass dieses „Wir“ als deutsches, als nationalistisches „Wir“ verstanden werden würde – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Bundesrepublik. Der Stellvertreter Gottes auf Erden war demnach ein Deutscher. Kein NPD Plakat kann ausgrenzender oder widerlicher sein, als die Schlagzeile. „Wir sind Papst!“ Es ist einfach nur geschmacklose Scheiße, die der Katholik Diekmann im Sinne des Presserechts unter seinem Namen zu verantworten hat. Zur Klarstellung. „Wir sind Papst!“ ist so Verachtungswürdig wie „Deutsche, die ihr Stellvertreter Gottes auf Erden seid: Finanziert keine Griechen!“

Die offen nationalistische Vereinnahmung des Stuhls Petri zeigt wie keine andere Schlagzeile wie nationalistisch und rassistisch die Bildzeitungsredaktion denkt und arbeitet. Ironie ist kein Mittel für ein Boulevardblatt und daher steht „Wir sind Stellvertreter Gottes“ für nichts anderes als das Selbstbild der Chefredaktion der Bildzeitung: „Wir sind Stellvertreter Gottes!“ Vollkommen frei von Ironie.

Die Ehrlichkeit vermisse ich, die eingesteht: „Wir stehen dazu, dass wir Scheiße, sofern sie erfolgreich ist, begehrenswert und damit richtig finden und scheuen uns daher nicht zuzugeben: Wir sind erfolgreiche Scheiße. Wir sind clevere Scheiße. OK: Wir sind Scheiße.“

Iich schweife ab. Wo war ich, nicht wir!, wo war ich stehen geblieben?
Ach, ja:
Seit Harald Range den Büttel aus Mangel an Beweisen hingeworfen hat, geht mir jetzt immer dieser Satz von Ulbricht durch den Brausekopf:

„Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten …“

 

–          aber ich habe die Absicht mich weiter auszukotzen.