Ich, Wir und der Rest vom All

 

Seit Harald Range den Büttel aus Mangel an Beweisen hingeworfen hat, geht mir jetzt immer diese Strophe von Udo Jürgens durch den Brausekopf:

„Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals in Hawaii
ging nie durch San Francisco in zerriss ‘nen Jeans.
Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei,
einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh ‘n.

Und als er draußen auf der Straße stand,
da fiel ihm ein, dass er fast alles bei sich trug,
den Pass, die Eurocard und etwas Geld,
vielleicht ging heute Abend noch ein Flug.“

Seit Harald Range sich außer Stande sieht, Anklage zu erheben, ist mir auch bewusster geworden, dass ich Jeans, Eurocard, Pass und ein paar Euronen besitze und wie Udos lyrische Du mich in den nächstbesten Flieger nach wohin-du-willst setzen könnte.

Geht. Fliegt. Weg. Gar kein Problem.

Aber ist das Freiheit?

Da denke ich an den Protestanten aus dem Monty Python Sketch, der seiner Frau erklärt, dass er jederzeit zur Apotheke gehen könnte und Kondome – auch mit Noppen – sich besorgen könnte. Aus irgendeinem Grund macht er es aber nicht. Na, nicht aus irgendeinem Grund, sondern weil er bei seiner Frau eh nicht mehr rattenscharf wird oder den Drang verspürt, sich die Kleider vom Leibe zu reißen und sich einen Gummi um den Knüppel zu stülpen*. Das bloße, nackte Schwadronieren über die Möglichkeiten der Freiheit muss diesem Protestanten oder Freiheitsexhibitionisten als Ersatzhandlung reichen.

Ersatzhandlung? Wofür?
Um sich zu vergewissern, dass man es jederzeit tun könnte, wenn man will.

Da sind wir wieder bei Udo Jürgens oder seiner Quintessenz:

Jeans? Pass? Geld? Kein Problem! Du kommst überall hin.

Ist das Freiheit?

Wenn ich Sachsen zu Australien, Thüringen zu Asien, Sachsenanhalt zu Europa, Mecklenburg zu Afrika, Brandenburg zu Südameríka und Berlin zu New York (Nordamerika) erkläre? Dann ist die DDR auf Weltniveau und Du brauchst noch nicht mal einen Pass und es reichen sogar Alu-Dollar um einmal um die Welt zu kommen.

Reisefreiheit? Reisefreiheit ist wichtig, aber nur ein untergeordneter Aspekt der Freiheit. Freiheit meint – sehr im liberalen Sinne, sehr im Sinne eines Sir Ralf Dahrendorfs – ohne Repressalien, ohne Mobbing, ohne Nachteile, ohne Überdröhnung und ad hominem Angriffe von überindividualisierten Organisationen wie Kirchen, Gewerkschaften, Parteien, Lobbyorganisationen, freiwilligen (?) Feuerwehrverbänden oder gemeinnützigen Vereinen befürchten zu müssen, frank und frei seine Meinung sagen zu können! Ohne am nächsten Tag, wie in der kleinsten Klitsche von Dorf, hinten rum angewixt und weggemobbt zu werden; ohne befürchten zu müssen, dass die engste Familie, die eigenen Kinder für eine nicht auf Konformität und vorher abgesprochene bzw. geprüfte Meinung Repressalien erleiden müssen. Kurz und knapp:

Wie weit her ist es mit dem Spruch: „Ich bin zwar nicht ihrer Meinung, aber ich werde mein Leben dafür geben, dass sie ihre Meinung vertreten dürfen.“

Wenn ich, mir die Kommentare zum letzten Formel 1 Rennen in Monaco durchlese – was für ein Break!- , komme ich zum Schluss, dass in der extrem individualisierten, extrem zum Egoismus neigenden Fahrerkaste niemand bereit ist, seinen Anstand, sein Ehrgefühl, seine charakterliche Integrität, geschweige denn sein Leben zu opfern, um dem Mitspieler die gleichen Chancen einzuräumen, die man selbst – dank allgemein geltender Regeln – erhalten hat.

In der Formel 1, der höchsten Klasse des Automobilsports, kommt meines Erachtens keiner auf die Idee, im Zweifel sein Leben zu geben, damit sein Kontrahent dieselbe Chance bekommt, um seine schnellste, beste, freiste Meinung zu äußern bzw. Runde zu drehen. Im Gegenteil.

Ein solches Ansinnen wird definitiv als falsch bewertet. Die Kommentare zum letzten Qualifying in Monaco (pars pro toto) lassen nur einen Schluss zu: Die Behinderung, die Zensur des Kontrahenten ist positiv zu bewerten, weil es den eigenen Erfolg wenn nicht erst ermöglicht so doch wenigstens zementiert hat.

Was aber hat Nico Rosbergs Ausbremser auf der Pirateninsel Monaco mit Sir Ralf Dahrendorfs Verteidigung des Individuums vor überindividuellen Organisationen zu tun? Eine ganze Menge. Zwar ist der Erfolg Rosbergs in der Formel 1 zuallererst sein individueller Erfolg und Rosberg muss auch über die Steuern hinaus keinen Cent mit mir oder uns teilen, aber Rosberg – sowie alle anderen Fahrer der Formel 1 auch – ist zu einer Projektionsfläche für überindividualisierte Interessen geworden. Das meint: Rosberg ist z. B. für RTL oder für bild.de Projektionsfläche nationalistischer Sehnsüchte geworden. Nationalistische Sehnsüchte hat Kai Diekmann kongenial zu: Wir sind XY geworden, verdichten lassen, wobei XY ausschließlich positiv bzw. überwiegend positiv besetzt ist. Im Falle Rosberg würde es lauten: Wir sind Weltmeister!

Wenn wir aber wirklich Papst, Export- oder Formel 1-Weltmeister sind, wenn wir uns die Erfolge eines Einzelnen, eines Irgendjemanden überstülpen und in seinem Erfolg sonnen können, dann machen wir uns aber auch mit seinen Methoden gemein, mit denen ein einzelner, egoistischer Karrierist und Egomane diesen Erfolg erlangt hat. Kurzum: Wir? Wir?? Ein solches „Wir“ besteht nur aus widerlichen Egoisten.

Will ich oder wollen Sie etwa Papst oder sich gemein machen mit Jemandem, der sich selbst zum Papst, zum Stellvertreter Gottes auf Erden gewählt hat? Verbrüdern möchte ich mich nicht mit jemandem, der sich solches anmaßt. Aber selbst Weltmeister im Kreisfahren möchte ich nicht sein, schon gar nicht in der diekmannschen Egoisten-Wir-Form der Bildzeitung:

Wenn ich via medialer Proklamation a la „Wir sind!“ Weltmeister werden kann, weil ich mich damit identifiziere, dass ein in meinem Namen vorgeschobenes Charakterschwein seine Kontrahenten nicht illegal aber auch nicht fair, sondern mies behindern musste, um sich und mich zu krönen, ist das nicht Ausdruck von „Cleverness“, Kai Diekmann, sondern die widerliche Krönung von Scheißdreck, die sich nur charakterlose Mistkerle ausdenken können.

Zumal die Skalierung der Leistung eines Einzelnen zu einem Wir nur supranational bzw. weltweit funktionieren kann und eine Einengung des „Wir“ auf nationale Grenzen nicht nur grenzwertig sondern zutiefst engstirnig, Entschuldigung: belämmert bzw. doof, dumm und schweineblöd ist, dass es einem die Zehennägel nach oben biegt.

„Wir sind Papst!“ titelten die charakterlosen Schweinepriester von der Bild, wohlwissend, dass dieses „Wir“ als deutsches, als nationalistisches „Wir“ verstanden werden würde – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Bundesrepublik. Der Stellvertreter Gottes auf Erden war demnach ein Deutscher. Kein NPD Plakat kann ausgrenzender oder widerlicher sein, als die Schlagzeile. „Wir sind Papst!“ Es ist einfach nur geschmacklose Scheiße, die der Katholik Diekmann im Sinne des Presserechts unter seinem Namen zu verantworten hat. Zur Klarstellung. „Wir sind Papst!“ ist so Verachtungswürdig wie „Deutsche, die ihr Stellvertreter Gottes auf Erden seid: Finanziert keine Griechen!“

Die offen nationalistische Vereinnahmung des Stuhls Petri zeigt wie keine andere Schlagzeile wie nationalistisch und rassistisch die Bildzeitungsredaktion denkt und arbeitet. Ironie ist kein Mittel für ein Boulevardblatt und daher steht „Wir sind Stellvertreter Gottes“ für nichts anderes als das Selbstbild der Chefredaktion der Bildzeitung: „Wir sind Stellvertreter Gottes!“ Vollkommen frei von Ironie.

Die Ehrlichkeit vermisse ich, die eingesteht: „Wir stehen dazu, dass wir Scheiße, sofern sie erfolgreich ist, begehrenswert und damit richtig finden und scheuen uns daher nicht zuzugeben: Wir sind erfolgreiche Scheiße. Wir sind clevere Scheiße. OK: Wir sind Scheiße.“

Iich schweife ab. Wo war ich, nicht wir!, wo war ich stehen geblieben?
Ach, ja:
Seit Harald Range den Büttel aus Mangel an Beweisen hingeworfen hat, geht mir jetzt immer dieser Satz von Ulbricht durch den Brausekopf:

„Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten …“

 

–          aber ich habe die Absicht mich weiter auszukotzen.

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