Xenia

Was mir den Tag versüßt hat? Wohl eher: Was hat mir die Woche versüßt. Meine Nichte.

Nun denkt ein Naseweis womöglich gleich das Schlimmste, aber – auch wenn ich nichts zu seiner, des Naseweisen Beruhigung beitragen kann – so handelt es sich hier um einen vollkommen unschuldigen Fall und das Mädel wäre auch zur Not mit Pfeil und Bogen gewappnet gewesen, um sich zu verteidigen. Nein, in meinen Alltag zwischen 0 und 1, zwischen Aufstehen, Flasche Bier, Falsche Neun und zu Bett gehen, hatte sich vor einigen Wochen meine Nichte, genauer gesagt der Wunsch meiner Großnichte einen Schülerpraktikumsplatz in meiner Firma zu bekommen, hineingedrängt.

Die Woche ist nunmehr um. Eine Woche lang haben wir Familie gespielt. Gemeinsam gekocht, in der Küche gegessen, etwas unternommen, den Tag beredet und am Freitagnachmittag, am Ende ihres letzten Arbeitstages, konnte ich ihr ihren großen Wunsch erfüllen: zweieinhalb Stunden lang 3D Tiere mit Kehlschüssen zu erlegen. Dafür hatte sie extra ihren Reiterbogen mit dabei gehabt. Ja, ich habe viel gelernt über Reiterbögen und Bogenschießen in der letzten Woche. Auch über die Familie der Bogenschützen. Alle Bogenschützen seien eine Familie lehrte mich in der letzten Woche meine Nichte und würden sich duzen. Innerlich habe ich nur „Ach, Du Scheiße“ gedacht, aber gelächelt.

Auf meinen zahlreichen Fahrten durch den Weststeil Berlins, sei es auf den Gleisen der U-Bahn von Ruhleben zum Olympiastadion zur alten Tante Hertha, sei es mit dem Karren zu den Havelstudios via der Havelchaussee, hatte ich bemerkt, dass abseits der Straße beziehungsweise abseits der Gleise und Bestimmungsorten der Navigationsgeräte, Tierattrappen und Bogenschussziele zu sehen sind. Bemerkt hatte ich diese aber erst, seit dem ich vor ein, zwei Jahren mitbekommen hatte, dass meine Großnichte mit dem Bogenschießen angefangen hatte. Jahrzehntelang hatte ich die ums Verrecken nicht wahrgenommen.

Zu ihrer Jugendweihe in einem Kinderheim – irgendwo zwischen Jens Weißflog und Rennsteig – hatte ich neben dem Geldritual anscheinend auch in ritualisierten Gesprächen fallengelassen, dass sie uns gerne besuchen und auch Pfeil und Bogen mitnehmen könne, weil es in Berlin sehr, sehr geile Schießanlagen gäbe. Die hätte ich selbst in Augenschein genommen. Daran muss sie sich erinnert haben, als sie einen Praktikumsplatz gebraucht hat.

Weil Bogenschützen eine Familie sind, ich gesagt hatte, dass man in Berlin super Bogenschießen könne und auf der Homepage des Vereins steht, dass „die Außenanlage ganzjährig 7 Tage die Woche zu jeder Zeit nutzbar“ sei, sind wir auch am Mittag des vorletzten Sonntags gleich losgedüst, zwischen irritierten Tennisspielern und Tenniseltern am Trainingsgelände durchgelatscht und mitten in ein Turnier der Bogenschussfamilie gelandet. OK. War Scheiße. Viele graue Jäger und Jägerinnen. Tolle Bögen. Spitze Pfeile. Keine Kinder. OK. War Turnier.

Die Jäger und Jägerinnen waren gerade zu Tisch, verspeisten womöglich ihre bis dahin geschossenen Styroportiere in Currysauce und meine Nichte durfte während dieser Pause sogar viermal ihren Köcher auf die 3D Figuren leerschießen und bekam obendrein noch Tipps a la mehr durchziehen oder mehr aus der Schulter.

Ich, ich muss reinen Herzens bekennen, dass ich das voll nett fand und die ganze Zeit nur Yeah! dachte. Yeah! Tolle Familie. Bester Onkel von der Welt. Du kommst irgendwohin, platzt denen mitten ins 3D Essen und darfst sogar kurz mitmachen. Hallo? Kein Gedanke irgendwo zwischen Spandau und Hellersdorf an der Tür zu klingeln und zu fragen, ob man mitessen dürfen, weil man extra aus Thüringen Messer, Gabel und Löffel mitgebracht habe? Ach kommt, das ist albern. Das ist auf die Fresse. Aber meine Nichte? War enttäuscht. Bester Onkel von der Welt? Ja, fick mich doch. Wobei ich natürlich nur Lob aus ihrem Munde gehört habe, beziehungsweise Zuckerlis bekam a la „Du kannst doch nichts dafür“ vulgo „Wir haben es eben versucht.“ Toll? Ganz toll.

Ab Montag war sie dann in meiner Familie, in meinem Job zwischen 0 und 1. Keine Ahnung was ich ihr beigebracht habe. Ihr Notebook ist jedenfalls wieder ganz und ich habe sie zu etlichen Terminen mitgenommen und dabei eine ganze Menge von ihr über Fanfiction erfahren. Das ist ihr 2D Ding. Fanfiction. In echt der 3D Kehlschuss und in virtuell: Fanfiction. Vampirgeschichten a la Biss in der Mitternacht.
Meine Ideen zur Ausschmückung der Geschichten kamen nicht gut an. Außer der einen Idee, über die Geschichte des schizophrenen Vampirs, dessen Ego einmal in das ich eines Reinblüters und einmal in das ich eines Hunters gespalten sei. Fragt nicht nach was Reinblüter oder Hunter sind, ich hab’s wieder vergessen, aber eigentlich dachte ich bei der Idee nur an eine Katze, die ihren eigenen Schwanz jagt, aber es sind, so viel kann ich sagen: vordefinierte Rollen. Comedia del arte oder in 3D: Mittelalter. Keine Fanfiction Figur kann aus seiner Haut und trotzdem schrieb und schreibt meine Nichte denen Geschichte um Geschichte auf den Leib. Kunstwerk oder Desaster? Befriedigung wenn’s gut geht. Das Belohnungssystem läuft so ähnlich wie bei kV und ging zwischen uns soweit, dass ich mich zu unpassenden Schwanzvergleichen hinreißen ließ wer mehr Worte in eine Geschichte hineingepackt vulgo den längeren Atmen hat. So bescheuert wie die entsprechenden Top-Ten auf kV, die ich alle durchgearbeitet habe.
Ich muss gestehen, dass ich ihr zwar nicht ihre Ergebnisse in Fanfiction neidete, aber ihre Leidenschaft für das Schreiben. Ich neidete ihr das Erlebnis und war erst dann wieder mit mir versüßt, als es mir doch noch gelang, einen Platz zu finden an dem sie ungestört, zweieinhalb Stunden lang mit unentgeltlicher Betreuung und kostenlosem Personal Trainer ihre Pfeile zu verschießen, während ich sogar noch Gelegenheit hatte Gladiatorenkämpfern beim Training zuzuschauen.

Noch mehr versüßte es mir aber diesen Freitagnachmittag, dass es – obzwar lange vor Feierabend – mir scheißegal war, wer mich jetzt anrief und wer eine Störung in seinen elektronischen Datenströmen hatte. Ich konnte eben nicht. Der Moment den ich kostete war viel zu süß. Wieder profitierte ich davon, dass mich meine Nichte besucht und um ein Praktikum gebeten hatte.

Was sie aus dieser Woche von mir mitgenommen hat? Keine Ahnung. Wird schon was sein. Aber nach dem wir, meine Frau und ich, sie am ZOB abgegeben und in den Fernbus gesetzt haben, haben wir uns angeschaut, geküsst und uns – wie die Bergtrolle beim Anblick der Sonne – wieder in unseren versteinerten Alltag verabschiedet.

Das ist versüßt.

 

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