August – Monat der Vor- und Wiedergänger

August 29, 2008

August

Spätsommer mit Vergangenheit und mit Folgen

Der August folgt auf den Juli sowie Augustus auf Caesar und jener Octavianus, der Achte, gibt dem Monat auch seinen Namen.

Am ersten August erklärte der deutsche Kaiser, Willhelm der Zweite, der Welt den Krieg. Nein, nicht er allein, vielmehr Verzweiflung derer, die ihren Anspruch auf Scholle, Pfründe und höherer Genetik in äußerster Gefahr sahen und im Krieg die ultima ratio, sorgten für den Fall.

Wilhelm Zwo, der letzte Kaiser der Hohenzollern, hatte viel von einem dummen August, der von anderen Mächten getrieben wurde. Er erinnert mich in dieser Situation von 1914 fatal an George W. Bush. Auch der musste reagieren, beziehungsweise schien und scheint er mir in keiner seiner Entscheidungen autark gewesen zu sein, sondern immer ein Spielball verdeckt bleibender Interessen. Aber George W. Bush, der amerikanische Caesar, der über den Rubicon der Freiheit nach Guantanamo gerudert wurde und vielleicht auf halbem Wege das Gespenst eines anderen Präsidenten, das den Delaware in entgegen gesetzter Richtung überquerte, gesehen haben mag, soll hier nicht das alleinige Thema sein, aber wenn ich mich mit Augustus beschäftige, komme ich an Julius, an dem was vorher passierte, nicht vorbei.

Der Zwanzigste Juli verstrich auch dieses Jahr wieder mit dem feierlichen Gelöbnis junger Rekruten. Diesmal diente das Bundesparlament auch Reichstag genannt statt dem Bendlerblock als Kulisse. Die jungen, uniformierten Bürger schworen mit Pathos, dass sie Soldaten des Parlamentes – und ich hoffe doch auch des Volkes – sein werden.

Die Verschwörung des zwanzigsten Julis dient als Schirmherr dieser Veranstaltung. Die Männer um Tresckow und Stauffenberg sind Paten der neuen Armee geworden und ihr Widerstand gegen Hitler galt und gilt der Bundesrepublik als moralische Wurzel und als sittliche Anweisung. Es gibt kein anderes Datum das auch nur annähernd diese Bedeutung im deutschen Widerstand gegen die Nazis hat, denn keine andere Gruppe hatte die Möglichkeiten nicht nur Hitler, sondern auch das Regime zu beseitigen oder wenigstens nachhaltig zu verändern. Eine Chance wie sie der Verräter Brutus und seine Mitverschwörer auch gehabt hatten und zur Hälfte nutzten.

Den Respekt folgender Generationen haben sich die Männer und Frauen um Stauffenberg verdient. Doch als ich jetzt wieder das Pathos sah mit dem die Rekruten vereidigt wurden und im Hintergrund den Reichstag, musste ich unwillkürlich daran denken, dass die damaligen Verschwörer mit dem Reichstag als Sitz des Parlamentes wohl wenig positives verbunden haben dürften. Attribute wie Quasselbude dürften die Herren Offiziere dem Gebäude verliehen haben.

Nein, für das Parlament, die Demokratie wollten sie bestimmt nicht sterben, viel mehr träumten sie vom Kaiser mit Bart. Ja, es war ein durch und durch Konservativer Widerstand der am 20. Juli 1944 versuchte das Schicksal noch zu wenden. Es war mit Sicherheit nicht leicht gewesen, Verschwörer zu werden und geschworene Eide zu brechen. Das konservative Ethos, dass Pflichterfüllung bejaht, revolutionäre Akte dagegen verbietet und die lange nicht in Zweifel gezogene Legitimität der Naziherrschaft und nicht zuletzt der auf Adolf Hitler geschworene Eid, wird den Verschwörern ihre Sache nicht leichter gemacht haben. Vielleicht liegt hier auch ein Grund für das Scheitern? Jedenfalls spiegelt sich hier eine konservative Schizophrenie, die schon im Vorlauf für den ersten Weltkrieg dem von Konservativen ach so vielgeliebten Vaterland statt Verheißung nur Verderben und Verruf brachte.

Die Zahlen der Wahlen von 1912 waren nicht nur ein Menetekel, nein, sie waren ein Fanal. Die Zahlen schoben die Monarchie an den Rand der Klippen der Zivilisation. Letztere sollte Thomas Mann bis aufs letzte Wort im Namen der organisch gewachsenen deutschen Kultur bekämpfen. Denn auch er konnte im französisch, egalitären Verständnis nur oberflächlichen Journalismus und Boulevard, statt faustisch-deutscher Durchdringung bis auf die Wurzeln erkennen. Zivilisation, Demokratie war ihm ein alles verschlingendes Großmaul der Beliebigkeit und Mehrheit – personifiziert in seinem liederlichen aber vor dem Kriege erfolgreicheren Bruder Heinrichs. Für Thomas Mann war der Krieg seines Kaisers, oder der Kräfte hinter seinem Kaiser, auch ein Krieg gegen den Terror: den Terror der Gleichmacherei.

Das ist nicht so altbacken wie es vielleicht klingt, denn wir schmähen nicht selten den amerikanischen Einfluss von Fastfood und Hollywood und fühlen uns als bedrängte Kulturnation. Doch unter „Wir“ finden sich selten die Meisten, sondern nicht wenige Wirrköpfe, sture Traditionalisten von links wie rechts und verbissen, um ihre Bedeutsamkeit kämpfende adlige Junker von einst oder elitäre Intellektuelle von heute. Aber angesichts eines Politshowspektakels mit abschließendem Feuerwerk und Küsschen für die Frau, die Kinder und – wäre er nur da gewesen – auch den Hund, wie wir es jetzt gerade im Stadion der Denver Broncos erlebt haben, könnte ich in Versuchung geraten, die amerikanische Kultur zu beckmessern. Aber da ich nicht unreflektiert ins Fahrwasser Mannscher Bekenntnisse eines Unpolitischen geraten oder mich ungewollt zum Anwalt derjenigen machen mag, die ihre Rituale für heilige Kühe und am Ende gar Gesellschaftsordnungen respektive Macht- und Verantwortungsverteilungen mit der Phrase des organisch Gewachsenen unter Artenschutz stellen wollen, geraten will, bekenne ich, dass ich die Respektlosigkeit und Kreativität, die Ungebundenheit, Intelligenz und Spontaneität vieler Amerikaner bewundere und mich gerne von ihnen beeinflussen lasse und bin. Yes we can, I take pride und I have a dream.

“Wir schaffen das”, „wir sind stolz“ und „wir haben einen Traum“, hätten die Verschwörer vom zwanzigsten Juli sicherlich sich auch zuraunen können, aber ich unterstelle, dass diese Formeln eher der Gruppe der Weißen Rose oder im Singular Georg Elser zugeordnet werden kann, als dem Offiziersklub, dessen Visionen sich ausschließlich aus Vergangenheit speiste, deren Untergang ihr letzter Kaiser schon am letzten, ersten August verkündete und besiegelt hatte. Gescheitert sind alle.

McCain, Obama und Putin sind zur Zeit potentielle Nachfolger ihrer Vorgänger, Gezeitenwechsler, Octaviane des Julis – und nur Putin genießt den Luxus, sich selbst, als sein eigener Stellvertreter, nachfolgen zu können.

August, dummer August, das ist der Erntemonat und der, der seine Felder in den Staaten oder im Kaukasus nicht bestellt hat, wird den Winter nicht erleben.

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Juli – Bärenmonat

Juli 1, 2008

Juli.

Bärenmonat.

Der Juli wurde einstmals, in heidnischer Vorzeit, Bären- oder Honigmonat genannt, aber seit geraumer Zeit, ist dieser Monat dem großen Feldherren und Kalenderreformer Julius Caesar gewidmet.

Bruno, der Problembär, hat in seinem letzten Lebensjahr den nach seiner Art benannten Monat nicht mehr erleben können. Wenige Stunden vor dem ersten Tag des Juleis setzten die Jäger seinem Leben ein Ende. Demzufolge erlebte er keinen vierten oder vierzehnten Juli oder einen anderen Feiertag der Freiheit.

Tröste dich, Bruno Bär, wir erleben unsere Tage zwar in Freiheit, aber welche Bedrohung und welche Befreiung darin liegt, wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass du, Bruno, deine ungezähmte Freiheit mit dem Leben bezahlen musstest.

Obwohl unsere Gatter offen und unsere Wege nicht vorgezeichnet sind, fühlen wir unsere Beine nicht. Sie sind so schwer und taub, wie die von Dr. Seltsam. Festgefahren und bewegungslos erdulden wir die Sonne im Hitzezenit und wedeln wie doll und verrückt, so als seien wir junge Hunde, mit dem Schwanz, wenn wir in den Schatten geschoben werden oder wenn uns ein Gönner eine Schale zum Schlabbern hinhält.

Bruno hat es versucht. Bruno überquerte die Alpen und Bruno riss Schafe. Schafe, von denen wir insgeheim vermuteten, dass Bruno sie aus einer Wollmatrix befreit hat, denn ansonsten hätten wir Bruno nur gestattet in die Honigtöpfchen zu fassen, statt wie der Wolf Lämmer zu reißen. Aber weil Bruno frei war und uns Insassen einer Eins-, Zwei- , Drei-, Vielraumbastille den Geschmack der Freiheit näher brachte, galt ihm unsere Sympathie. Aber Bruno wurde erschossen. Erschossen, ausgestopft und ausgestellt bevor der Juli dräute. Ich befürchte, es bedarf keines Fangschusses um mich auszustopfen. Diesen Job erledige ich selbst – mit gefühltem lebendigen Geist.

Bruno war frei und ungezähmt und brauchte keine Auszeit, während ich Urlaub buchen muss, um meinen knapp hundert Meter hohen, zweihundertfünfundzwanzig Tonnen schweren Koloss und Traum der Freiheit bewundern und Schnappschüsse machen zu können. Schnappschüsse, die mir beweisen, dass ich Reisefreiheit genieße, dass ich ein freier Mensch und kein ungesetzlicher Krieger bin.

Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,
die bemitleidenswerten Abgelehnten eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
hoch halt’ ich mein Licht am gold’nen Tore!

Irgendwann differiert der Kalender so stark mit der Umlaufbahn der couchkartoffelförmigen Erde um unser Lebenslicht, dass es eines neuen Kalenders bedarf, zumindest einer Korrektur, einer Neupositionierung der Kartoffel zur Sonne, um nicht zu sagen: eines besseren Platzes an der Sonne. Das Ungemach, dass aus solchem Wollen erwächst, ist mir aber solch ein Graus, dass ich es dabei belasse mein Handtuch schon in der Frühe auf die besten Stühle – auf die Honigseite – zu legen, weil ich mich danach noch bräsig für ein-, zwei Stunden in meine Höhle zurückziehen kann.

Ihr Abenteurer im Mittelmeer, ihr Freihheitssucher, Heimatlosen und Getriebenen, ihr Abgelehnten, ihr Brunos und ihr Geknechteten, euch wünscht Ruben Ballutschinski – ein kleines Licht des Okzidents – eine handtuchfreie Liege. Aber wahrscheinlich löst sich wieder ein Schuß oder dringt Wasser durch ein Leck und begräbt den Freiheitsdrang auf nassem Grund.

Juni – Halbzeit

Juni 13, 2008

Juni

Halbzeit. Die Sonne steht im Zenit. Die Tage werden wieder kürzer. Es beginnt die Zeit zurückzublicken. Bergfest. Bei denen, bei denen sich Zufriedenheit einstellt ob des Erreichten, wölbt sich ganz schnell auch ein Bäuchlein unter dem lässig gelabelten Wochenendshirt. Gut genährt und doppelt zugenäht.

Grillen ist in dieser Lebensphase eine Tätigkeit und keine Metapher mehr für die Flausen der Jugend. Wir grillen selbstverständlich gerne und jeder auf dem Niveau seines Erfolges. Der eine grillt mit Käfer Catering, Eventzelt und Cohibas, der andere mit Holzkohle, Pantinen und Bruzzler. Aber eine bei dreißig Grad im Schatten von Schweiß und Abgasen aus allen Löchern geschwängerten Luft nivelliert die Unterschiede und säugt uns alle mit dem selben Odem, Brodem oder Sprit.

Wenn wir dann am längsten Feierabend des Jahres mit dem letzten Sonnenzipfel uns den wirklich allerletzten in den Knien einschenken lassen und bei „So ein Tag, so wunderschön…“ oder „We are the Champions“ uns bereitwillig und gegenseitig in die Arme fallen, dann ist vielleicht auch die Nation Europa- oder Milchstraßenmeister geworden, aber letztlich sind wir nur besoffen. Besoffen von uns selbst. Ob Yacht oder Stehimbiss, ob Lehmann oder Selfmademan, jeder von uns ist doch nur ein Primat, der zu viel von den in der Sonne vergorenen Früchten des Affenbrotbaums verkostet hat. Derart berauscht vom Leben, der Sonne und dem Zufall in Dickundreichland geboren worden zu sein, ist es mir unmöglich, qualitative Unterschiede in der Stopf- und Mästung der Dickbäuche entdecken zu können.

Satt und fett waren wir schon in Korl Morx Stodt. Die dicken Kinder lebten und leben nicht nur in Landau, sondern auch immer schon in Schkopau. Nicht ein leerer Magen trieb kolonnenweise Trabantenfahrer durch die Innenstädte, nein, sondern nur Grillen über Gleichheit, Freiheit und Leben und Reichtum ohne Grenzen kurzum die Aussicht auf ein besseres, bunteres, geileres Leben. Grillen der Jugend. Heute blicken wir zurück und morgen feiern wir schon zwanzigjährige Wiederkehr der Wiedervereinigung. Grillen leben wohltemperiert gerademal ein Jahr, aber – so als seien sie Verwandte der Zikaden – kehren sie nicht alle dreizehn oder siebzehn Jahre wie die Zikade gleichen Namens sondern erst alle einundzwanzig Jahre ins Leben zurück und den Gesang dieser Grillen können wohl nur die hören, deren Geist nie Volljährigkeit erreicht und deren Leben, Werden, Wachsen immer weiter geht und über einen solchen Johannis sprach: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ Johannis hatte seinen Zenit erreicht, schaute zurück, begann zu grillen und begann sich zu erinnern.

Wir erinnern des Johannis noch heute mit Feuer, brennenden Rädern und Tanz um einen Flammenkranz. Ein Halbjahressilvesterspektakel gegen Dämonen, Krankheiten und Misswuchs, bevor wir ernten was wir gesät haben. Im Licht der alten Feuer, wenn ich es einfange, sehe ich keine Erinnerung sondern bange Hoffnung , sehe im Feuer einen Wechsel auf die Zukunft, eine quer und wild unterschriebene Bürgschaft.

Heute, wenn die Mahd wie letztes Jahr schon eingefahren, Dämonen im Kinderzimmer und Misswuchs nur in Formalin gelagert in medizinischen Museen zu bewundern ist, gibt es keine Angst vor der Zukunft und keine Zweifel, dass wir uns nicht betrinken sollten. Stattdessen haben wir Angst, keinen Grund mehr zu finden, warum wir uns besaufen sollten. Sommersonnenwende.

Mai – Monat des Aufbruchs!

Mai 15, 2008

Mai – der Monat der Erneuerung, des Aufbruchs und des Wachstums!

„Alles neu“, so singen wir wohl seit alter Zeit, mache der Mai: „Komm lieber Mai und mache!“ Das hat für mich wegen des Machens einen faschistischen Beigeschmack. Denn lateinisch facere heißt machen. Aus facere leitet sich dieses Monstrumswort Faschismus ab, in das viel Theorie vergeheimnist worden ist, aber mir gilt dieses Wort nur als die Abwesenheit von Theorie, Gedanken und demzufolge auch Skrupeln oder Zweifeln. Stattdessen steht facere, facitus, Faschismus mir schlicht fürs Schlagen, Rock ´n Roll, so richtig einen losmachen, Bücher verbrennen, Menschen vergasen, dass Schweinesystem zerschlagen, kurzum: Nicht denken, sondern machen!

Oi Va Voi!

Der Mai macht mit Macht alles Neu und den Ersten Mai machten erst die Macher von der NSDAP zu einem wiederkehrenden gesetzlichen Feiertag. Die Faschisten wollten bekanntlich alles neu machen, kochten aber alten Brei und Vorurteile zu einem ungenießbaren wie tödlichen Cocktail. Eines aber beherrschten die, der Hinkefuß allen voran, perfekt: das Marketing! Die Show.

Immer wenn ich mich heutzutage von den modernen Medien unterhalten lasse, denke ich oft an Joseph Goebbels. Sehe ich aufstrebende, kaum erblühte Popstars in New York vor kreischenden und in Ohnmacht fallenden Teenies, denke ich nicht zuerst an John, Paul, George und Ringo, sondern an Joseph und Adolf und ihre Nummern: „Der Führer über Deutschland.“ und ihren Evergreen und das Passepartout für jedes Popkonzert: den „Reichsparteitag“. „Voll Porno!“, würden die, in diesem Mai zur Adolfeszenz erblühten Pennäler, vielleicht dazu sagen oder nix sagen und stattdessen mit einer Adolf-Figur die Abenteuer Carl Johnsons in dessen virtueller Grand Theft Welt durchleben wollen. Sei es als bewusster, zynischer Kommentar oder nur kichernder, sabbernder und schlichter Grenzdebilität; auf jeden Fall: voll Porno.

Voll Porno wie ein Maibaum eben. Diese Riesenphalli, die in Mutter Erde gerammt werden und unter dessen hölzerner Männlichkeit jungfräuliche Jungbauern sich plusternd tummeln und auf eine Maid hoffen, die sich – summ summ – bienengleich des Nektars wegen ihrer erbarmt. Wobei der Vergleich hinkt, denn Sperma ist weder Nektar noch Götterspeise oder taugte gar als Kinderaufzuchtsnahrungsmittel. Einerseits, aber andererseits fickt die Blume die Biene, stäubt ihr die Pollen überallhin und treibt es mit jeder, wirklich jeder voll Porno während die Biene an sich bienenfleißig ist und in einem ordentlich geführten Gemeinwesen lebt.

Blumen sind sesshaft. Blumen sind ganz unbeweglich, ja Blumen sind halt festgewachsen. Blumen, entscheiden nicht, wen sie verführen; Blumen richten ihre Stengel ganz einfach nur ins Licht, denn Blumen sind so kritik- und wahllos.

Blumen sind wie Couchkartoffeln – pflückst du sie, gehen sie bald drauf.

Ja, Blumen sind so – zerbrechlich.

Blumen werden nicht sehr alt und lassen bald die Köpfchen hängen, brauchen ganz viel Zucker im Tank denn Blumen sind unbeschreiblich männlich.

Blumen sind männlich? Die Rose ist ein Symbol für den Mann, sein Glied oder die hemmungslose Verstreuung seines Samens? Hmmm? Nein, eine Rose ist eine Rose, ist eine Rose. Es gibt keine Phallusrose, keine weiße, schwarze, rote oder gar blaue Rose. Eine Rose ist eine Rose, eine Blume ist eine Blume, eine Pflanze ist eine Pflanze. Flora und Fauna sind bekannt. Und kein Mai erschafft dergestalt Neues mehr, dass es sich gegenüber dem monokulturellem Einerlei behaupten oder wahrgenommen werden könnte. Agrobiodiversität? Vielfalt? Nein, eine blaue Blume ist eine blaue Blume und bleibt eine blaue Blume und blüht seit ehedem auf den Feldern der Frühromantiker, wird dort hektarweise gezüchtet und meilenweit ist kein Knick zu sehen. Ein Meer, aus schwankenden Stengeln gekrönt mit blauen Kronen, wird durchpflügt von Heerscharen von Blauenblumenstechern, die sich glückselig fühlen, weil sie sich eins in der Vielheit und in der Vielheit eins wähnen. Sehr schön.

Aber Vielfalt ist das nicht. Und neu? Neu, ist es auch nicht. Es ist einfältig. Agrobiodiversität? Fehlanzeige. Was Agrobiodiversität ist? Nun, auf unseren Feldern und allen Feldern dieser Welt herrscht großes Einerlei. Es liegt das gleiche Reiskorn auf A1 wie auf H8. Wenigstens die Schachbrettfelder wechseln sich in ihren Farben ab, denn ansonsten wird in dieser Welt nur gepflanzt, nur vermehrt was Gewinn bringt. Gerodet, getötet wird jeder andersartige Keim, der den Erfolg schmälern könnte. Saatgut Euthanasie und Saatgut Rassenlehre gehört seit jeher zum Standard. All überall werden nur noch Autobahnen gepflanzt, überall wird nur gefressen was Profit gebracht hat. Ach, lieber Mai, nun mache!

Oi Va Voi!

April – Der Monat der Katastrophen und Weltuntergänge

April 17, 2008

April

Apophis, das schwarze Loch von CERN und auftauendes sibirisches Schelfeis!

Katastrophen allerorten und keine Aprilscherze. Katastrophen? Nein, Menetekel. Ankündigungen des Weltunterganges. Eigentlich lächerlich. Der Weltuntergang wird ständig von irgendwem oder irgendwas verkündet. Doch mir scheint, die Einschläge häufen sich und die Kassandras werden besser. Naja ob die Schweizer CERN Forscher tatsächlich in Gefahr laufen ein Minikleines schwarzes Loch zu erschaffen, dass sich dann zu einem veritablen Erball verschluckenden Stecknadelkopf großen Lochdingsbums mausert und uns alle wie Spaghetti in die Genfer CERN-Röhre reinsaugt, das halte ich – ohne den leisesten Schimmer einer Ahnung zu haben – doch für arg weit hergeholt, weil es in der Bild stand.

Obwohl es durchaus ein Witz wäre wenn der Forschungsdrang der Menschheit den Erball in der schlichten Schweiz verschluckt. Ohne Bumms, Krach, atomaren Feuers oder Killerasteroiden, nein, ein schlichter schwarzer Schluckauf, ein physikalischer Rülpser macht dem Experiment Mensch ein Ende.

Bei den anderen Geschichten wird mir schon schlechter und ich fürchte mehr und mehr um meine Rente. Als ich klein war, gab es die rote Knopf Bedrohung. Technisches Versagen oder aggressives Männchenverhalten, dass in einem schwachen Moment den Druck auf den roten Knopf durchführt und die Welt mit tausenden Marschflugkörpern atomisiert. Als Mitteleuropäer lernte ich sehr schnell, dass wir keine Chance in diesem Falle haben werden.

Da es hieß, dass wir die Erde zigtausendmal zerstören könnten, vermutete ich – ohne eine Ahnung zu haben – dass einer dieser Raketen mir schon auf den Kopf fallen werde und das Ende ganz fix kommen werde. Quasi schmerzlos. Das erschien mir so schrecklich wie aus versehen und unverhofft von einem LKW überrollt zu werden. Bedrohlich, ja auch ärgerlich, aber von einem Dreizehnjährigen nicht zu ändern. Ich hatte und habe mehr Angst davor, in solcherlei Händel zu geraten, dass man mich zwingt, auf den Bordstein zu beißen und dann mit einem Springerstiefel auf meinen Kopf tritt. Das ist eine furchtbare Vorstellung für mich und natürlich versuche ich solchen Gesellen aus dem Weg zu gehen, die solches im Sinn haben könnten.

Nur kommt da jetzt dieser Apophis herangebraust und das methanhaltige Schelfeis taut in Sibirien auf und damit wächst die Wahrscheinlichkeit, von verrohten Gesellen gequält zu werden ganz außerordentlich. Denn wenn Apophis 2029 den Schlag bekommt, der ausreicht ihn 2036 auf die Erde knallen zu lassen, dann wünsche ich den Erdenbürgern viel Erfolg und Gelassenheit bei ihren letzten sieben Jahren. Das gleiche gilt für das Schelfeis: Das wird wahrscheinlich nicht nur für ein erhitztes Klima sorgen.

Ach ja, die Russen fördern auch nicht mehr Öl sondern weniger und die Chinesen wollen in den nächsten Jahren die Zahl ihrer zugelassenen Autos verdoppeln. Hurra! Noch ist Haiti ja weit weg und die Schießereien nur zweidimensionale Bilder in Raumton, aber bald ist Haiti ja vielleicht in Rotterdam, weil die Holländer gespült werden, wenn das Schelfeis taut und dann fürchte ich kriege ich doch noch was auf die Fresse.

Zum Glück ist bald Mai. Der macht ja bekanntlich alles neu. Allerdings, war da nicht Ende Mai der Weltuntergang?

Schönen guten Abend wünscht

Ruben Ballutschinski