Prosaisches

Trödler, Künstler, Klinken

Kunstmarkt

„Lass uns einen Kaffee trinken gehen.“ beschloss sie, als ich mich schon darauf gefreut hatte in wenigen Minuten den Rest des Sonntags schnarchend auf dem Sofa zu verbringen – verdienter Lohn für einen stundenlangen Aufenthalt auf einem Floh- und Trödelmarkt, der auch ein Kunstmarkt sein will.

Das Konzept des Kunst- und Trödelmarktes ist erfolgreich. Ein Gedränge wie bei Knut dem Eisbären. Aber statt einem knopfäugigen Bären – lauter seltsame Leute, die sich durch Anspruch und Geschmack zu tarnen wissen. Soviel Geschmack, das Comics nicht Comics sind, sondern was Besseres, etwas für das man sich nicht schämen muss; eine Art non-mainstream Markenschuh. Ein Ambiente in dem sich der Zweitbuchbesitzer angenehm unterhalten fühlt. Die Kunsthändler und -produzenten, die Trödler freut es offensichtlich auch und ich vermute es freut sie wegen des Aufpreises.

Mich erfreute, dass ich Imbissbuden entdeckte, die mir eine Curry und Pommes mit Mayo verkauften. Wahrscheinlich sind diese Buden noch nicht vom Käfer Catering übernommen worden, weil sie so authentisch wirken. Gegen eine feindliche Übernahme der Panflötenindianerdarsteller mit ihrem nervtötendem Gepuste durch hohle Hölzer zu schleimiger Fahrstuhlmusik, hätte ich dagegen nichts einzuwenden.

Und zwischen Currywurst und Comictrödel gaben sich die Kunsttrödler die Klinke in die Hand. Das ist eine naheliegende Verkettung, denn Klinken gibt es da : sagenhaft! Massenhaft Beschläge, Griffe, Klinken – bergeweise. Aber wer braucht das? Wahrscheinlich diejenigen, die hier Kinderpuppen kaufen, auf denen „Anfassen verboten“ und ein Traumpreis steht. Aber wieso eigentlich? Klinken kaufen Leute, die keine Griffe oder keine Klinken haben. Wenn die keine Klinke haben, wie kriegen sie aber dann die Tür auf und zu? Anders, beschloss ich, einfach anders.

“Jetzt noch einen Apfelstrudel im Einstein – das wäre es!“ wiedferholte sie aufgeräumt und riss mich erneut aus meinen Gedanken. Aber wieso [i] wäre [/i]?

Statt auf der Couch Ruhe zu genießen, nun Strudel im Cafe, das war fix wie der Ort: Das Einstein. Berlin, Kurfürstenstraße, Künstler Cafe, gehobene Klasse. Da geben sich Promikünstler die Klinke in die Hand und das keine hundert Meter von der Love Sex Dreams Filiale entfernt. Das ist der Megasexshop auf der Discount Sexmeile Berlins. Ficken für Fünffünzig. Fünfzig Cent ist der Zewarollenurheberrechtsanteil.

„Wieso sollen Künstler anders ficken, wenn sie genauso kacken?“, durchfährt es mich plötzlich wie eine Erkenntnis aus dem brennenden Dornbusch und ich denke sofort an Quantitätsficker wie Immendorf, die es im Dutzend billiger besorgt bekommen haben oder an den Leute-beim-Interview-Betatscher Friedmann, der sich mit einer Ladung Mädels aus einem ukrainischen Viehwagon vergnügte. Haben die Frauen eigentlich gehalten, was er sich versprochen hat vor oder auf oder in oder neben sie zu verspritzen? Ist das recherchiert worden? Ist Friedmann ein Künstler? Es wird so vieles einfach nicht zu Ende gedacht, recherchiert oder gesagt. So viele offene Fälle. Vielleicht fehlen einfach die Beschläge um die Kisten zuzumachen? Wo die Beschläge, die Schlösser sind, weiß ich jetzt.

Zum Glück ist das Einstein ein Bohnenpuff was soviel wie professionell heißt. Die servieren jedem, die besorgen es jedem, lassen keinen hängen aber das hat seinen Preis – so wie die Mad Hefte auf dem Kunsttrödelmarkt, die von Herbert Feuerstein redaktionell bearbeitet worden sind. Aber Bedienung ist wichtig. Nicht bedient zu werden, kratzt an der Ehre. Wer nicht bedient wird, muss sich fragen, warum ausgerechnet sein Geld stinkt.

Bedient

Als ich, in Folge diverser, dummer Aktivitäten mit einem feuerwehrroten Anorak, den ich Tags zuvor verdächtig günstig im Fox Discount in der Banane, die nichts anderes als eine verglaste aber bananenkrumme Einkaufspassage in Cottbus ist, dergestalt gewandet ein frisch eröffnetes Kaffee in Kreuzberg betrat, da passierte es mir, dass ich nicht bedient wurde.

Das Cafe sah aus wie eine ausgeschabte Höhle. Total reduziert. Wenn verziert, dann nur durch Kreidezeichnungen großäugiger, kleiner Mädchen an den unverputzten Wänden. Alle Zeichenfiguren sahen so aus, als wollten sie mein Y-Gen ab- oder sich selbst die Pulsadern aufschneiden.

In dieser hippen Gruft war hinten rechts noch eine Ecke frei. Ich schob mich mit deutlichem Unbehagen durch die gefühlte Kreativabteilung Berlins. Vorbei an toughen, jungen Weibern mit Kurzhaarigelfrisuren und tiefer geschminkten Augenhöhlen und metrosexuellen Typen mit manikürten Fingern und dem Air Notebook von Apple auf dem Schoß. Den Typen gab ich Namen, die für mich nach Biomargarine klingen und vermutete, dass der Audi R8 um die Ecke geparkt ist. „Neid!“, rief ich mich zur Ordnung, „Nur Neid und Frevel meinerseits. Sei doch nicht so hässlich und steh zu deinem Anorak. Den roten Fox-Discountmantel, kannst du nicht leugnen.“

Eben drum, konterkarierte ich mich selbst, klopfte mir aber ob dieser Reflektion auf die Schulter, weil ich mich – very british – nicht so verfickt ernst genommen hatte, beruhigte mich wieder und langte nach der Karte. Erst als ich die Karte fast durch hatte, fiel mir auf, dass die Karte ein individuell gestaltetes Büchlein ist, wo auf jeder zweiten Seite die Bilder dieser psychotischen Strich-Mädchen abgebildet sind, die mich auch als schwarzweiß Kreidezeichnung vom Putz anstarrten. Toll, dachte ich und suchte erneut die Karte nach dem Preis für ein Pils durch und fand endlich wonach ich gesucht hatte.

Eine gefühlte Stunde später, fasste ich die Karte nicht mehr an und schämte mich dafür, dass ich es getan hatte. Es war offensichtlich, befand ich, dass man mich schnitt, weil ich die Karte wie einen Ottokatalog behandelt hatte. Das bildete ich mir zumindest ein. Wenn auch nicht sehr erfolgreich. Es ist nicht die Karte, nagte es in mir. Es ist nicht dein Handeln, es ist deine Aura, deine Präsenz, kurzum : You are not one of us. No, no, no, not one of us. Leider gebar mein Herz in dieser Stimmung nur melancholische Peter Gabriel Melodien und Texte. Trotzdem unterließ ich es, mir ein verbrauchtes Glas vom Nachbartisch zu greifen, reinzupissen, auszutrinken, mir mit meinem feuerwehrrotem Ärmel vernehmlich den Mund abzuwischen, das Glas auf den Tresen zu hauen und erlöst zu bemerken: „Danke, dass ich wenigstens meine Pisse saufen durfte. Vielen Dank. In Zehlendorf hätten sie mich totgemacht, weil sie meine Armseligkeit nicht hätten ertragen können. Also, Freunde, was bin ich euch schuldig?“

Was wäre passiert, hätte ich Mr. Self Destruct von Trent Raznor im Ohr gehabt? Further Down the Downward Spiral? Überflüssige Gedanken, denn ich beschloss mich zu bewegen und nicht mehr auf eine Bedienung zu warten. So unauffällig und selbstbewusst wie möglich schlich ich zur Theke und war froh, dass ich mich an der Bar festhalten konnte. Nach einer weiteren Ewigkeit erbarmte sich die hippe Bedienung meiner und fragte mich „Was!?“

Das Bier, dass sie mir auf meinen Tisch stellte, schmeckte wie Pisse. Ich saß in meiner hinteren Ecke umrahmt von den Monsterfressen aus Kreidestrichen, schluckte und ich ließ mir nichts anmerken. Endlich war ich ein Kunde wie jeder andere auch. Das Bier schmeckt hier wohl generell schal, beruhigte ich mich. Ich war sogar stolz, dass ich es geschafft hatte in meinem Outfit, in einem solchen Laden bedient worden zu sein. Strike. Das war doch der Lackmus Test, dass ich kein Gartenzwergnazispießer bin, dass ich nicht „Konzentrationslager Erhard“ bin? Und warum? Weil mein Geld nicht stinkt. Und wenn mein Geld nicht stinkt, dann bin ich nur ein Kunde.

Als ich dann wieder an der Theke stand und darauf wartete, dass ich endlich abgerechnet werde, bemerkte ich im Augenwinkel einen alten Bekannten, der mich offensichtlich auch bemerkt hatte. Er winkte wie ein debiler Duracell Hase auf Viagra. Er stand vor dem Lokal, vor dem großen Fenster und winkte mir so zu, als sei das Fensterglas die Linse einer Fernsehkamera. Ich wünschte mir, dass des Hasen Batterien augenblicklich ihren Geist aufgeben. Sie gaben aber nicht auf und die Barfrau, der die Situation und mein Unbehagen nicht entgangen war, kassierte mich lächelnd ab.

Strudel Pils Melange

„Eine Melange und den Apfelstrudel mit Vanillesauce, bitte.“, flötete sie der adretten Kellnerin zu.

„Und der Herr?“, wand sich die Dame mit gespitztem Stift und Block zu mir.

„Pils.“,sagte ich nur.

Kurz bevor ich so antwortete, hatte ich mir einen Blick in mein Innerstes gegönnt. Da lagen am Meeresboden meines Magens viele kleine zerkaute Brocken einer Currywurst, fein garniert mit gelben Popeln, die mal Pommes waren und über allem schwebte ausgeflockte Mayonnaise. Auf Cappuccino mit Sahne und eine Sachertorte war mir der Appetit vergangen.

„Warsteiner vom Fass? Großes, Kleines?“, hakte die Bedienung ungeduldiger werdend nach.

„Ja, bitte.“, antwortete ich gedankenverloren und bemerkte leider den irritierten, wenn nicht angewiderten Gesichtsausdruck meiner Begleitung. Sie war mit der Wahl meines Getränkes offensichtlich nicht einverstanden.

„Also ein kleines Warsteiner vom Fass?“, bemühte sich die Kellnerin weiter. Sie wirkte sehr kontrolliert und professionell.

„Ja, bitte.“, wiederholte ich wieder. Die Sinne waren mir immer noch vernebelt und mein Gemüt düster.

„Fein.“, zischte sie, zog deutlich einen Strich unter die Bestellung, klappte den Block zu und marschierte zum nächsten Tisch.

„Muss  ich jetzt fahren? Oder wie hast Du Dir das gedacht? Es wäre nett gewesen, wenn“, giftete sie sofort los.

„Moment“, unterbrach ich ihre Predigt, stand auf und rief der Bedienung sehr vernehmlich hintendrein: „Fräulein, ich hätte doch bitte ein Großes, ja? Ein großes! Pils. Danke!“, dann setze ich mich wieder und wand mich voll konzentriert meiner Freundin zu, die glücklicherweise genauso verstummt war wie der gesamte Laden.

„Was wolltest Du sagen, Schatz?“, fragte ich freundlich.

„Du bist unmöglich.“, flüsterte sie nur und verbarg weiterhin ihr Gesicht hinter der großen Karte des Einsteins.

So isoliert von meiner Liebsten, Zeit und Raum konnte ich gelassen meine Blicke durch den Saal wandern lassen. Resigniert stellte ich fest, dass meine Erwartungen erfüllt wurden. Lauter schicke und intelligente Menschen, Künstler, Friseure, Promis und größenwahnsinnige Literatur-Studenten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: